/Leslie Jamison: “Ich liebte immer dieses Unerwartete. Nicht zu wissen, was passieren würde und wohin die Nacht führt”

Leslie Jamison: “Ich liebte immer dieses Unerwartete. Nicht zu wissen, was passieren würde und wohin die Nacht führt”

ZEITmagazin: Frau Jamison, Sie haben über ein Thema geschrieben, mit dem sich bislang
hauptsächlich männliche Schriftsteller beschäftigt haben: dem eigenen Alkoholismus.
Inwiefern ist Ihre Trinkerbiografie anders?

Leslie Jamison: Ich fragte mich bei der Lektüre des Kanons trinkener Männer, John Berryman und Raymond Carver zum Beispiel, immer, wo eigentlich die Frauen geblieben sind? Ich glaube, dass man mit weiblichen und männlichen Trinkern ganz andere Narrative verbindet: Männer gelten viel eher als mythische Schurken, als selbstzerstörerische Genies, die geradezu heroisch gegen die vorherrschenden langweiligen Gesundheitskonventionen rebellieren. Aus den Abgründen, in die solche Männer tauchen, schöpfen sie, so die gängige Meinung, den Tiefsinn und die Schönheit ihrer Werke. Bei Frauen sieht das ganz anders aus: Ihr Suff gilt als erbärmlich, selbstsüchtig, melodramatisch. Wie die Schriftstellerin Marguerite Duras sagte: “Eine trinkende Frau, das ist, wie wenn ein Tier, ein Kind tränke.” Eine Frau hat nicht so betrunken zu sein wie ein Mann. Von Frauen erwartet man, dass sie fürsorglich sind, daher sehen wir ihre Selbstzerstörung als egoistisch an.

© Nathan Perkel

ZEITmagazin: Hatten Sie überhaupt weibliche Vorbilder beim Schreiben?

Jamison: Die drei Biografien über Alkoholismus, die mir am meisten bedeuten, sind von Frauen geschrieben: Billie Holidays
Lady Sings the Blues.
Ihre Sucht wurde immer als Symptom ihres Genies aber auch als kriminell, als Sünde gesehen, für die sie bestraft werden musste. Carolyn Knapps
Drinking: A Love Story
und Mary Karrs
Lit.
Vor allem das Buch der Schriftstellerin Carolyn Knapp hat mich geprägt: Ich las es, auf dem Boden einer Bibliothek sitzend, in einem Stück durch, während ich selbst trinkende Alkoholikerin war. Es hat mich zwar nicht dazu gebracht, sofort mit dem Trinken aufzuhören, aber ich glaube, es hat den Grundstein dafür gelegt, dass ich ein paar Jahre später bereit dazu war.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch, wann Sie den Alkohol für sich entdeckt haben?

Jamison: Ja, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war auf einer Party meines Bruders, der gerade am College seinen Abschluss machte. Ich war elf oder zwölf Jahre alt. Natürlich wusste ich zu dem Zeitpunkt schon, was Alkohol ist. Ich hatte davor auch schon mal an Wein genippt. An dem Tag war es aber das allererste Mal, dass ich nach einem Glas Champagner diese Magie verspürte. Diesen leichten Rausch. Ich weiß noch, wie ich mich darüber wunderte, wieso die Welt das so lange von mir versteckt gehalten hatte. Ich war fast schon verärgert. Es war eine Art Offenbarung.

ZEITmagazin: Was faszinierte Sie so?

Jamison: Dass es sich als so einfach herausstellte, eine strahlende Version von mir selbst zu sein. Ich verstand nicht, wieso Menschen dieses Gefühl nicht die ganze Zeit haben wollten.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch schildern Sie, wie Sie dem Alkohol in Ihren frühen Zwanzigern vollends
verfielen. Welche Rolle spielte Ihr Alter?

Jamison: Viele junge Menschen fangen in dieser Zeit an, ihr Leben selbst zu strukturieren. Man kann auf einmal selbst entscheiden, wo und wie man seinen Abend verbringt. Man kann sein Zuhause eigenständig einrichten. Man kann sich plötzlich eine Küche zusammenstellen und sie mit so viel Alkohol ausstatten, wie einem beliebt – und diesen dann auch jederzeit trinken, ohne dass jemand Fragen stellt. Ich studierte in Iowa Kreatives Schreiben, es war das allererste Mal, dass ich komplett auf mich gestellt war, mit all den Träumen und Unsicherheiten, die man als junger Erwachsener hat.

ZEITmagazin: Sie schreiben, dass Sie nach der Arbeit, in der Stunde, bevor Ihr Freund heimkam,
möglichst viel Gin tranken, um ausreichend betrunken zu sein, ohne aber betrunken zu wirken.
Standen Sie permanent unter Alkoholeinfluss?

Jamison: Was die Menge und die Anlässe angeht, gab es eine ziemliche Entwicklung bei mir zwischen 18 und 28, meinem Jahrzehnt als Trinkerin. In den ersten drei, vier Jahren trank ich hauptsächlich in Gesellschaft – in Bars, auf Partys. Mit Anfang zwanzig trank ich zwar immer noch unter Leuten, aber zunehmend auch allein: vor dem Ausgehen etwa, damit ich schon einen Vorsprung hatte, wenn ich auf den Partys oder in den Kneipen ankam. Oder auch mal nach dem Feiern, zu Hause, als Absacker vor dem Schlafengehen. Mit Mitte zwanzig fand ich es gemütlicher, allein zu trinken: am Abend ein paar Flaschen Wein in meiner Wohnung.

ZEITmagazin: Sie waren trotzdem ein ziemlicher Überflieger: Sie machten Abschlüsse in Harvard und
Yale, belegten angesehene Schreibworkshops und veröffentlichten mit 27 einen Roman. Sie
gehörten einer coolen, jungen Intellektuellen-Elite an.

Jamison: Ich glaube, das Trinken hatte schon was zu tun mit meinem Wunsch, zu dieser Szene zu gehören: Ich fühlte mich angetrunken einfach wohler und nicht so verkrampft unter meinen Kommilitonen. Ich wollte mich von meiner Unsicherheit befreien, diesen Stimmen in mir, die mich und generell alles, was ich sagte, kritisierten und korrigierten oder mir bestimmte Sachen einredeten. Beispielsweise, dass alle um mich herum mich nicht dabeihaben wollten, dass es alle total belanglos oder dumm fanden, was ich sagte. All diese tyrannischen inneren Monologe. Ich verstand sofort, dass der Alkohol ein wunderbares Mittel dafür war, diese Stimmen abzuschalten, um so leben zu können, dass nicht alles konstant von dieser Furcht und dem Selbsthass bestimmt wurde.

ZEITmagazin: Wissen Sie, woher diese Stimmen kamen?

Jamison: Das ist zwar eine gute Frage, die man aber eigentlich nicht beantworten kann. Man weiß ja nie, woher solche Stimmen wirklich kommen. Vielleicht spielte die Familiendynamik bei uns zu Hause eine Rolle: Ich wuchs mit einem Vater und zwei Brüdern auf, die sehr schlau, aber auch distanziert und schwer fassbar waren. Abschiede, manche für sehr lange Zeit, prägten meine Kindheit, und ich glaube, dass daraus eine gewisse Furcht erwachsen ist, nicht zu genügen, oder zumindest dass ich mir die Aufmerksamkeit von mir nahen Menschen verdienen musste. Ich glaube auch, dass Geschlechterrollen wichtig gewesen sein könnten: Frauen spüren vielleicht eher den Druck, sich begehrenswert zu machen, um männliche Aufmerksamkeit zu bekommen, sei es von beruflichen Autoritäten, von Liebhabern, von Lebensgefährten. Es brauchte Jahre, bis ich verstand, dass so viele emotionale Erlebnisse beeinflusst waren von kulturellen Normen, vom Patriarchat, einem System, das mir von Kindheit an zu verstehen gegeben hat, dass ich gut sein müsse, um mir die Liebe der Männer zu verdienen.

ZEITmagazin: Im Buch erzählen Sie davon, dass Sie beim Studieren von lauter männlichen
Selbstdarstellern umgeben gewesen seien.

Jamison: Ich war eingeschüchtert von ihnen: nicht nur von den berühmten Schriftstellern, sondern auch von den jungen, hippen Autorinnen und Autoren mit ihren Zigaretten und ihren selbst verfassten Gedichten, an denen sie gerade arbeiteten. Das Trinken half mir, einen Weg zu finden, überhaupt mit ihnen zu reden, ohne mich ständig zu hinterfragen. Es gab mir das Gefühl, ein Teil eines Ganzen zu sein, es war eine Art Eingang zur Welt. Vor allem als ich neu am College war, fühlte ich mich als totale Außenseiterin. Mit der Zeit aber wurde aus diesem Eingang vielmehr ein Ausgang, besonders als ich anfing, allein zu trinken. Mein Alkoholkonsum wurde dann eher zu einem Austreten aus der Welt.

ZEITmagazin: Interessant ist, dass Ihre Leistungen nicht unter dem Alkohol litten.

Jamison: Der Erfolg und der damit verbundene Druck haben beide den gleichen Ausgangspunkt in mir: nämlich das Gefühl, ständig die Bestätigung von anderen zu suchen, nie wirklich zu genügen. Der Alkoholismus war für mich auch eine leise Rebellion, die sich gegen die Erwartungen an mich als Frau auflehnte: lieb zu sein, schön zu sein, um als begehrenswert zu gelten. Das Trinken war mein Weg, um auszudrücken: “Ich mache jetzt genau das, worauf ich Lust habe.”

ZEITmagazin: Was war früher Ihr Lieblingsgetränk und welches ist es heute?

Jamison: Früher war es ein Dirty Martini, ein Martini mit Olivenlake, und heute Kaffee. Wenn ich ausgehe, trinke ich eigentlich immer Johannisbeersaft. Letztens, als ich in einer Bar war, wollte ich einen Saft bestellen, und das Barpersonal war darüber total verwundert und fragte mich, was ich damit meine. Das hat mich wiederum ziemlich verwundert.

ZEITmagazin: Welcher war Ihr schönster Trinkermoment?

Jamison: Eine meiner Lieblingserinnerungen ist die an eine Nacht, in der ich mit meinem damaligen Freund in New Orleans unterwegs war und wir ziemlich viel Whisky getrunken hatten. Wir liefen total betrunken durch das französische Viertel mit all seinen wunderschönen Häusern. Ich weiß noch, dass ich auf seinen Rücken gesprungen bin und er mich huckepack getragen hat. Es fühlte sich wie eine Nacht an, in der wir einfach loslassen konnten.

ZEITmagazin: Was ist das Aufregende am Rausch?

Jamison: Ich liebte immer dieses Unerwartete. Nicht zu wissen, was passieren würde und wohin die Nacht führt. Sich von der Welt überraschen lassen zu können und von den Menschen um einen herum, das war das Spannendste.

ZEITmagazin: Wie sind die Menschen in Ihrem Umfeld mit Alkohol umgegangen? Hatten sie ähnliche
Probleme wie Sie?

Jamison: Die meisten haben in einem vernünftigen Ausmaß getrunken. Mein Ex-Freund konnte sich mit einem Glas Wein an einen Tisch setzen und drei, vier Stunden daran trinken. Er hatte nicht die Absicht, sich daran zu berauschen. In den vergangenen Jahren konnte ich Veränderungen im Trinkverhalten in meinem Freundeskreis beobachten. Vor zehn Jahren, mit Mitte zwanzig, betranken sich viele die ganze Zeit. Heute haben einige Freunde Kinder und trinken kaum noch. Ich finde das interessant, weil es mir zeigt, dass sie nie abhängig waren wie ich. Sie konnten den Alkohol genießen. Deshalb war es für sie nicht schwer, das Trinken hinter sich zu lassen. Ohne Rückfälle, ohne Therapien.

ZEITmagazin: Sie erzählen in Ihrem Buch sehr offen von Ihren Abstürzen, von stundenlangen
Filmrissen etwa oder einer Nacht, in der Sie neben dem Klo knien, weil Ihnen schlecht ist
vom Alkohol, dann aber wieder aufstehen, sich einen Plastikbecher Whisky nehmen und allein
weitertrinken. Gab es Anekdoten, bei denen Sie zögerten, sie zu
veröffentlichen?

Jamison: Eine der Geschichten, die im Buch vorkommt und bei der ich lange überlegt habe, wie es sich anfühlen würde, wenn sie die ganze Welt lesen kann, ist die Begegnung mit einem Mann in Nicaragua. Ich schlief mit ihm, obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte, es in dem Moment aber viel einfacher war, als Nein zu sagen. Für mich war es letztlich doch wichtig, dieses Erlebnis zu teilen, vor allem weil ich keine einzige Frau mit Alkoholproblem kenne, die beim Trinken nicht irgendwann eine ähnliche sexuelle Begegnung erlebt hat. Einen Moment wie diesen auszulassen hätte sich wie eine Verleugnung angefühlt. Als Leserin war ich früher dankbar dafür, wenn Frauen von solchen schlechten Erfahrungen erzählten.

ZEITmagazin: Wann hatten Sie Ihren letzten Drink?

Jamison: Am 7. Dezember 2010. Ich feiere also jedes Mal am 8. Dezember den Geburtstag meines nüchternen Ichs. Ich hatte es zuvor schon mal mit dem Nüchternsein probiert, doch ich wurde rückfällig. Beim zweiten Mal gelang es. Auch weil ich mich stärker auf Rituale einließ wie meine Stunden bei der Selbsthilfegruppe Anonyme Alkoholiker.

ZEITmagazin: Was war das für ein Moment, als Sie dachten: Jetzt reicht es, ich muss endgültig
aufhören?

Jamison: Meine letzte betrunkene Nacht sah so aus: Ich nahm mir eine Flasche Whisky und igelte mich allein in einem Zimmer in der Wohnung ein, in der ich mit meinem damaligen Freund wohnte. Ich tat es heimlich, weil er nicht wissen sollte, wie viel ich inzwischen trank. Doch dann kam er mitten in der Nacht in das Zimmer und sah mich. Ich verspürte sofort eine unglaubliche Erleichterung, weil plötzlich im wahrsten Sinne eine Tür aufging und ich ehrlich sein konnte.

ZEITmagazin: Davor hatten Sie das Trinken selbst vor ihm so gut es ging verheimlicht, Sie putzten
sich die Zähne und gurgelten mit einer Mundspülung, wenn Sie wussten, dass er Sie bald
küssen würde. Wie fühlt es sich für Sie an, dass nun so viele Menschen von Ihrem
Alkoholismus wissen? Hilft das, nicht rückfällig zu werden, oder bringt es Sie in
Gefahr?

Jamison: Es stört mich nicht allzu sehr, dass andere diese ganzen Geschichten aus meiner Vergangenheit lesen können. Meine Geschichte ist im Vergleich zu den Lebensgeschichten vieler anderer nicht besonders krass oder hart. Ich habe meine Alkoholabhängigkeit in einem sehr privilegierten Umfeld entwickelt, als weiße Frau, vor der sich niemand fürchtet. Deshalb denke ich nicht, dass meine Geschichte unbedingt viel Mitleid verdient. Ich bin trotzdem froh, dass sie anderen, die mit Ähnlichem gekämpft haben, das Gefühl geben kann, nicht allein zu sein. Doch ich möchte keinesfalls immer und immer wieder mit Fremden über meine Alkoholsucht reden. Wenn aber Menschen zu mir kommen und mir sagen, dass sie seit 90 Tagen trocken sind und dass sie das ohne dieses Buch nicht geschafft hätten, fühlt sich das Buch sehr sinnvoll an.

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