/Frankfurt: Politiker verurteilen Stoß eines Achtjährigen vor ICE

Frankfurt: Politiker verurteilen Stoß eines Achtjährigen vor ICE

Ein achtjähriger Junge ist am Frankfurter Hauptbahnhof von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen worden. Das Kind sei von dem Zug überrollt worden und gestorben, teilte die Polizei mit. Den Behörden zufolge wurde ein Tatverdächtiger festgenommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat sich der mutmaßliche Täter noch nicht geäußert. Am Dienstag werde er dem Haftrichter vorgeführt.

Über die Motive des Mannes sei noch nichts bekannt, sagte eine Polizeisprecherin. Er habe auch die Mutter des Achtjährigen auf das Gleisbett gestoßen, die habe sich aber retten können. Eine dritte Person konnte sich den Angaben zufolge in Sicherheit bringen. Eine Beziehung zwischen den Opfern und dem mutmaßlichen Täter gebe es ersten Erkenntnissen zufolge nicht. Die Ermittler riefen Zeugen auf, sich mit sachdienlichen Hinweisen bei der Polizei zu melden. Dazu konnten auch Fotos und Videos über eine spezielle Internetseite hochgeladen werden.

Der Tatverdächtige flüchtete den Angaben zufolge zunächst, wurde aber von Passanten verfolgt und später von der Polizei außerhalb des Bahnhofs festgenommen. Am Hauptbahnhof sei es zu einem “massiven Polizeieinsatz” gekommen, berichtete die Sprecherin. Die Mutter des Achtjährigen wurde in ein Krankenhaus gebracht und notfallmedizinisch versorgt. Sie solle so bald wie möglich befragt werden, sagte ein Polizeisprecher.

Am Frankfurter Hauptbahnhof wurden nach dem Vorfall zahlreiche Gleise gesperrt. Es kam zu Ausfällen und Verspätungen, wie eine Sprecherin der Deutschen Bahn sagte. Am Abend wurden die Gleise den Angaben zufolge alle wieder freigegeben. Die Deutsche Bahn schaltete am Nachmittag die Sondertelefonnummer 0800 – 3 111 111 zur psychologischen Betreuung für Zeugen des Vorfalls frei. Der Frankfurter Hauptbahnhof gehört zu den größten Bahnhöfen in Deutschland und wird täglich von fast 500.000 Menschen besucht.

Politiker reagieren bestürzt

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) unterbrach wegen des Falls seinen Urlaub, wie sein Ministerium mitteilte. Seehofer wolle sich mit Vertretern von Sicherheitsbehörden treffen und am Dienstag die Medien informieren. Seehofer verwies darauf, dass “in Teilen der Öffentlichkeit” bereits eine Bewertung der Tat vorgenommen werde. “Dies ist seriös aber erst möglich, wenn die Hintergründe aufgeklärt sind”, sagte der Minister. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Dpa soll es bei dem Treffen auch um Angriffe und Drohungen gegen Vertreter
der Linkspartei gehen, um Bombendrohungen gegen Moscheen sowie den
rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im hessischen
Wächtersbach.

Er sei tief bestürzt über den Vorfall in Frankfurt, teilte Seehofer mit. “Der Täter wird für die Tat mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu Verantwortung gezogen werden”, hieß es weiter. Soweit nötig, stelle er dem Land Hessen jede Unterstützung etwa der Bundespolizei oder des Bundeskriminalamts zur Verfügung, kündigte der CSU-Politiker an.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte, die Tat
erschüttere ihn. “Es macht fassungslos, dass Mutter und Kind vor einen
einfahrenden Zug gestoßen wurden. Die Aufklärung der abscheulichen Tat
liegt jetzt in den Händen der zuständigen Behörden”, sagte der
Regierungschef und sprach der Familie sein Beileid aus.

Hessens
Innenminister Peter Beuth (CDU) zeigte sich ebenfalls tief betroffen.
“Wir haben heute am Frankfurter Hauptbahnhof eine furchtbare, eine
sinnlose, eine bestürzende Tat erleben müssen”, sagte er am Abend in
Frankfurt. Die Gedanken seien bei der Mutter und bei der Familie. Beuth
bedankte sich außerdem bei den “couragierten Bürgerinnen und Bürgern”,
die es durch ihr beherztes Eingreifen möglich gemacht hätten, dass der
mutmaßliche Täter schnell habe gestellt werden können.

Der
Minister übergab der Stadt Frankfurt bei einem bereits länger geplanten
Termin einen Bescheid über 1,2 Millionen Euro für die Instandhaltung der
Videoanlagen im Bahnhofsviertel. Er sei sich nicht sicher, ob
Videoüberwachung in einem solchen Fall wie dem des getöteten Jungen das
geeignete Mittel gewesen wäre, um die Tat zu verhindern, sagte Beuth.
Dennoch gebe es viele Situationen in einer Großstadt wie Frankfurt, bei
denen Straftaten mit der Hilfe von Videokameras verhindert werden
können.

Die Vorsitzende der Grünenfraktion im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, schrieb auf Twitter,
“was für eine heimtückische, entsetzliche Tat, ein unschuldiges Kind
aus dem Leben zu reißen”. Ihre Gedanken seien bei der Mutter und den
Angehörigen des Jungens. “Es ist einfach nur schrecklich”, schrieb
Göring-Eckardt weiter.

Tat löst Diskussion über Sicherheit an Bahnhöfen aus

Der Attacke folgte auch eine Debatte über die Sicherheit an Deutschen Bahnhöfen. So bemängelte der SPD-Verkehrsexperte Martin Burkert in der Bild eine unzureichende Aufsicht an den Bahnsteigen. Ihm zufolge fehle es an den Bahnhöfen außerdem an Bundespolizisten. Dass sich solche Taten durch mehr Polizisten verhindern lassen bezweifelt hingegen der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek. Er schlägt stattdessen eine Diskussion “über den Einbau technischer Sperren” vor.  Die Deutsche Bahn sieht eine solche Maßnahme aber mit hohen Kosten verbunden. Zwar sei die Forderung nachvollziehbar, doch würde dies Hunderte Millionen Euro kosten und zu Schlangen an den Bahnsteigen führen. Auch der Fahrgastverband Pro Bahn sagte, eine solche Forderung sei “logistisch kaum umzusetzen”.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst sagte der Bild-Zeitung, eine “noch gezieltere Videoüberwachung und mehr Sicherheitspersonal auf den Bahnhöfen” würden das Sicherheitsniveau erhöhen. Absolute Sicherheit werde es aber nie geben.

Die Grünen-Verkehrspolitikerin Valerie Wilms rief Fahrgäste dazu auf, sich niemals zu nah an ein Gleis begeben. “Wenn sich alle an die Regeln halten, reichen diese Maßnahmen für eine sichere Benutzung der Bahnsteige aus”, sagte sie.

Auch im niederrheinischen Voerde Frau vor Zug gestoßen

Am Samstag vor einer Woche war im Bahnhof der niederrheinischen Stadt Voerde eine 34 Jahre alte Mutter vor einen Regionalzug gestoßen worden und ums Leben gekommen. Der 28-jährige Tatverdächtige sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Der mutmaßliche Täter und das Opfer kannten sich den Ermittlern zufolge ebenso wie im Frankfurter Fall nicht.

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