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Gran Recorrido: Steil gehen

Hirschfeldia incana blüht gerade. Überall entlang der Küste, kleine
blassgelbe Kleckse im Grün der Insel. Wenn der Wind über das offene Meer heranzieht, von
Westen, an La Palma vorbei, wenn er fauchend die Klippen und Hänge hinauffährt, um oben kurz
Luft zu holen und anschließend hinunter in die Täler zu fegen, dann reißt er die gelben
Blütenblätter von den Stängeln und wirbelt sie Richtung Himmelsblau. Sie schweben dann in der
Luft und sehen aus wie Konfetti. Ich kenne die Hirschfeldia, weil ich eine
Pflanzenbestimmungs-App auf dem Smartphone habe. Wenn mir eine bestimmte Pflanze auffällt und
ich – wie eigentlich immer – keine Ahnung habe, was mich da beim Laufen durch das kniehohe
Gesträuch an den Beinen kitzelt, wird ein Foto von dem Blümelein gemacht. Die App schickt es
an die Datenbank, wo ein Algorithmus meine Aufnahme mit ein paar Hundert anderen vergleicht,
und – schwupps: weiß ich, dass das da vorne und das überall auf der Insel Hirschfeldia incana
ist, der Grausenf. Die anderen, die Lilafarbenen, das sind Galactites tomentosus,
Milchfleckdisteln. Und die Dunkelroten zwischendrin heißen Lathyrus tingitanus oder
Tanger-Platterbse. Gelb, Lila, Dunkelrot: Es gibt Augenblicke, da breitet sich Gomera vor
einem aus wie ein impressionistisches Gemälde – ein bunter Tupfer neben dem anderen,
hunderttausendfach. Und mittendurch führt ein Trampelpfad. Das ist der GR132.

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