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The Bushwick Collective: Bravo, Brooklyn!

The Bushwick Collective: Der coolste Hund jenseits des East River: Streetart – hier von Ruben Ubiera aus Miami – macht Bushwick zu Brooklyns neuem Szene-Viertel.

Der coolste Hund jenseits des East River: Street-Art – hier von Ruben Ubiera aus Miami – macht Bushwick zu Brooklyns neuem Szeneviertel.
© Claudia Paul für MERIAN

Es ist einer der coolsten Dialoge in einem Film voller cooler Dialoge. Gefragt, ob er sich deutsche Invasoren in New York vorstellen könne, antwortet Humphrey Bogart in “Casablanca” lapidar: “Nun, es gibt ein paar Gegenden in New York, da würde ich ihnen nicht empfehlen, einzumarschieren…”

Bogart meinte damit sicher nicht die schicke Upper West Side, wo der Schauspieler selbst aufwuchs. Sondern Viertel wie Hell’s Kitchen, die Lower East Side und vor allem die auf der anderen Seite des East Rivers, in Brooklyn: Red Hook, Williamsburg, Bushwick. Nachbarschaften, in denen Immigranten, Matrosen, Fabrikarbeiter, Gewerkschaftler und “Mobster” wohnten: immer hart arbeitende, oft hart trinkende und manchmal auch hart zuschlagende Typen.

Filme wie “French Connection”, in dem Gene Hackman als Detective Popeye Doyle Gangster kreuz und quer durch Brooklyn jagt, Bücher wie Hubert Selbys “Letzte Ausfahrt Brooklyn” mit seinen irrwitzigen Rauf- und Saufstories und später dann die Songs von lokalen Hip Hop-Helden wie Jay-Z und The Notorious B.I.G. zementierten Brooklyns Ruf als wildes, oftmals unsicheres Pflaster und Keimzelle des toughen New Yorkers.

Tatsächlich war es “sehr, sehr hart, hier aufzuwachsen”, erinnert sich Joe Ficalora, der Gründer des Bushwick Collectives, eines losen Verbandes von Street-Art-Künstlern, deren knallbunte Kunstwerke heute viele der ehemals tristen Industriefassaden Bushwicks zieren – und die Touristen genauso anziehen wie Kulturschaffende, Studenten, Start-Ups und Investoren. Wo früher vielleicht ein paar schrabbelige Bodegas Sandwiches und Bier feilboten, eröffnen nun Galerien, Cafés, Pizzerien, Boutiquen und ein paar der besten Clubs der Stadt.

“Ich wurde 1978 geboren, als Sohn sizilianischer Einwanderer”, erzählt Ficalora in breitem Brooklyner Akzent. “Im Jahr zuvor, während des großen Stromausfalls im Sommer 1977, wurde Bushwick geplündert und halb niedergebrannt. Noch in den 80ern spielten wir Kinder zwischen Ruinen, es gab kaum Geschäfte, dafür jede Menge Dealer, Junkies und Huren. Ein Kumpel meines Onkels wurde erschossen, als er im Deli an der Ecke sein Abendessen kaufte. Und mein Vater wurde erstochen, als ich gerade mal zwölf war. Meine Mutter Lea, die kaum Englisch sprach, zog mich und meine Schwester alleine groß. Es war tough.”

Als seine Mutter 2011 nach langer, schwerer Krankheit starb, brach für Joe Ficalora eine Welt zusammen: “Ich arbeitete damals schon im Stahlbetrieb meines Onkels in Bushwick, heute leite ich den Betrieb. Aber ich hielt mein Leben kaum mehr aus. Die Erinnerungen an meinen ermordeten Vater und meine verstorbene Mutter lauerten überall. Ich schlief kaum noch, trank zu viel, wurde aggressiv und depressiv: Etwas musste geschehen.”


Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2018

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2018.
© MERIAN

Im Frühjahr 2012 hatte er eine Idee: “Muttertag stand bevor, und ich brauchte dringend Ablenkung. Also organisierte ich eine Block-Party mit Freunden und Familie. Und lud eine Handvoll Street-Art-Künstler ein, die uns halfen, die hässlichen Schmierereien in unserer Nachbarschaft mit coolen Bildern zu übermalen. Das war die Geburtsstunde des Bushwick Collective.”

Heute zählen um die 800 Künstler aus aller Welt zum Bushwick Collective, darunter Legenden wie Adam Cost und Dan Witz, aber auch Nachwuchsstars wie die neunjährige Lola “The Illustrator” Glass. Ficalora fungiert als Kurator, entscheidet, welcher Künstler welche Wand bemalen kann, und richtet die jährliche Block-Party aus, die inzwischen zu einem Spektakel mit Tausenden von Besuchern und Auftritten von Musikern wie Foxy Brown und Ja Rule herangewachsen ist: “Ich bin selbst kein Künstler”, sagt Ficalora. “Aber ich habe ein gutes Auge, und ich kann organisieren. Die Bilder und das Kollektiv machen mich glücklich, sie sind für mich Familie und Medizin.”

Einer der Künstler des Kollektivs ist Chris Soria. “Was Joe hier geschaffen hat, ist wirklich einmalig”, versichert er, und macht dabei die letzten Korrekturen an seinem von M.C. Escher inspiriertem Wandgemälde “Eternal Return”. “Nirgends sonst in New York können wir uns auf so großer Fläche legal austoben und verwirklichen.”

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