/Skepta und Kate Tempest: Apokalypse und Kinderwagen

Skepta und Kate Tempest: Apokalypse und Kinderwagen

Bei der Wahl des richtigen Kinderwagens wird auch der härteste Rapper zum Vernunftmenschen. Der Brite Skepta etwa hat sich das Modell Fox der Marke Bugaboo ausgesucht, Zentralgelenkfederung, höhenverstellbarer Schiebebügel, wächst mit dem Kind. Eine grundsolide Entscheidung, denkt man, während der Rapper im Video zu seiner neuen Single Bullet From a Gun den Buggy parkt und sich niederlässt auf einer Wartebank im U-Bahnhof Camden Town. Erfahrene Reiseeltern bemerken den Logikfehler sofort: Kein normaler Mensch würde sich mit Kinderwagen bis auf den Bahnsteig der Londoner Tube durchprügeln. Aber egal. Skepta ist gekommen, um zu gucken.

Vor drei Jahren erhielt der Rapper und Produzent aus Tottenham im Londoner Norden für seine Platte Konnichiwa den Mercury Prize, die wichtigste britische Pop-Auszeichnung. Das Album gilt als Höhepunkt einer zweiten Grimewelle, während der sich die einstige Undergroundmusik der englischen Hauptstadt in den letzten fünf Jahren zu erstaunlicher Chartdominanz aufschwingen konnte. Skepta jedoch möchte Bewahrer des Echten und Aufrichtigen sein. Die Straßengeschichten des Mannes, der eigentlich Joseph Junior Adenuga Jr. heißt, blieben auch dann hart und trist, als Neufans wie Drake und A$AP Rocky wegen möglicher Zusammenarbeiten anklopften.

Das Album nach dem Hype beginnt nun mit einem Perspektivwechsel, den auch das Video zu Bullet From a Gun illustriert. Skepta betrachtet normales U-Bahn-Publikum von seinem Sitzplatz auf dem Bahnsteig aus: knutschende Pärchen, lautstarke Halbstarke, Obdachlose, Geschäftsreisende, Kleinkriminelle. Der Rapper verabschiedet sich aus der Mitte des Geschehens und bleibt selbst dann teilnahmslos, als sich gewalttätige Polizisten einen offenkundig falschen Verdächtigen vorknöpfen. Nicht mein Problem, scheint Skepta zu denken. Während das Land, in dem er lebt, dem Brexit entgegentaumelt, widmen sich seine aktuellen Songs der Frage, wie neue Sesshaftigkeit und anhaltendes Obermackertum zusammenpassen könnten. Seine fünfte Platte hat Skepta Ignorance Is Bliss genannt: Im Augenverschließen lässt sich natürlich auch Frieden finden, der private.

Ein paar U-Bahn-Stopps weiter südlich sitzt eine Frau an ihrem Schreibtisch und kann überhaupt nichts anfangen mit solchen Ideen. Kate Esther Calvert alias Kate Tempest aus Westminster ist die große Kümmerin des englischen Musikbetriebs. Auf bisher vier Alben sowie in zahlreichen Theaterstücken, Gedichtbänden und Romanen hat sie sich mit detaillierten Charakterstudien und Situationsbeschreibungen als Chronistin einer allgemeinen Londoner Großstadtverzweiflung hervorgetan. Die Mieten, die soziale Ungerechtigkeit, die Scheißjobs und die Scheißdates: Tempest will alles mitbedenken und mitverhandeln. Lösen kann sie zwar kein Problem ihrer Leidensgenossinnen. Es benennen aber schon.

Das neue Album der Künstlerin heißt The Book of Traps and Lessons, was im Gegensatz zu Tempests Künstlerinnennamen keine Shakespeare-Referenz ist, aber genauso gut eine sein könnte. Als ließe die prekäre Lage der Nation keine Gedanken mehr zu an Popsongs und sonstige Ablenkungsmanöver, entspinnt sich die Platte als zusammenhängendes Hörspiel, auf dem Tempest ihre wortreiche Erzählwut an Hörern und Hörerinnen auslässt. Musik erklingt auch dazu, doch die verharrt 45 Minuten lang in atmosphärischer Lauerstellung, erweitert um gelegentlich anhebende Trip-Hop-Beats.

Und nun ist das Ende nah

Tempest muss also keine wirkliche Rapmusik mehr machen, um als führende Stimme der englischen Hip-Hop-Gegenwart zu gelten. Diese Rolle verbindet sie mit Skepta, auch wenn sie vom anderen Ende des Spektrums berichtet. Rap ist bei Tempest keine Straßenmusik, keine Lebensgeschichte, Rap ist ein Stilmittel, das ihr erlaubt, den Verästelungen und Komplikationen ihrer Erzählungen eine Form zu geben. Komplexe Songs und Milieustudien hat Skepta ebenfalls im Repertoire, doch für ihn ist Rap auch die Erlaubnis zur geschmacklichen Grenzüberschreitung und politisch inkorrekten Äußerung. Selbst im heutigen Ehrenrundenmodus seiner Karriere blitzt manchmal noch der Battlerapper auf, der Skepta einst war.

Tempest hingegen entstammt Londoner Slam-Poetry-Kreisen, einer Szene, in deren Schoß sie mit ihrer neuen Platte zurückkehrt. Nichts will sie diesmal über musikalische Akzente oder Ausschweifungen kommunizieren. Stattdessen entwickelt The Book of Traps and Lessons einen kaum variierten Tonfall zwischen großer Sorge und einsetzender Zermürbung, der auch eine textliche Neuorientierung der Künstlerin nach sich zieht. Vergessen sind die Beteuerungen von Empathie und Verschwisterung ihrer früheren Platten und sonstigen Arbeiten. Nun prophezeit uns Tempest den Untergang.

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