/“Hells Angels”: Aus Liebe und Hass

“Hells Angels”: Aus Liebe und Hass

Am Abend
des 26. August sitzt Dariusch F. in seinem himmelblauen Bentley und wartet
darauf, dass die Ampel am Millerntorplatz auf Grün umschaltet. Gerade hat er in
seiner Lieblingspizzeria Palermo in der Hein-Hoyer-Straße gegessen, jetzt ist
er auf dem Weg zu seiner Wohnung in der HafenCity. Der Abend ist mild, der
38-Jährige hat das Fenster seines Wagens heruntergedreht. Auch der Beifahrer des
Mercedes, der neben ihm hält, fährt seine Scheibe herunter. Dariusch F. ist
völlig ahnungslos, als der andere plötzlich eine Pistole auf ihn richtet und
fünf Mal schießt. Dariusch F. überlebt, sitzt seither aber querschnittsgelähmt
im Rollstuhl.

Ein
Mordversuch mit Hinrichtungscharakter, wie der Vorsitzende Richter der Großen
Strafkammer am Hamburger Landgericht sagt. Dafür verantwortlich ist nach
Überzeugung der Richter ein Paar, das einst von einem gemeinsamen Haus am
Strand träumte und nun für viele Jahre getrennt voneinander im Gefängnis sitzen
wird. Arasch R., 28 Jahre alt und auffällig im Gesicht und am Hals tätowiert,
kommt lebenslang ins Gefängnis. Seine Freundin Lisa S., 24 Jahre, Prostituierte
mit blondiertem Dutt, wird zu zwölfeinhalb Jahren verurteilt.

Die
Geschichte, die sie hinter Gitter gebracht hat, handelt von inniger Liebe und
tiefem Hass. Arasch R. saß vorigen Sommer wegen Drogen- und Waffenbesitzes in
Untersuchungshaft. Von da aus soll er den Auftrag erteilt haben, den verhassten
Dariusch F. zu töten. Mit Lisa S. hat er nach Erkenntnissen der Polizei über
die Videotextfunktion des Fernsehers in seiner Zelle kommuniziert. Arasch R. und
Dariusch F. gehörten verfeindeten Rockergruppen an. Dariusch F. soll einer der
Anführer der mächtigen Hells Angels gewesen sein, Spitzname des ehemaligen
Bundeswehrsoldaten: der Schlächter. Arasch R. wiederum gehörte zu den Mongols,
die den Höllenengeln die Macht auf dem Kiez abnehmen wollten und sich
inzwischen, geschlagen durch blutige Niederlagen, aufgelöst haben.

In
diese Männerwelt trat Lisa S. als Geliebte von Arasch R. Er war ihr Traummann,
das sagte sie ihm immer wieder, die Polizei hat entsprechende Nachrichten an
ihn gefunden. Sie träumte davon, aus der Prostitution auszusteigen und mit
Arasch R. eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Ein gemeinsames Haus am Strand,
das malten sie sich zusammen aus. Zunächst aber zog sie mit zu ihm in sein
Elternhaus in Schnelsen, wo die beiden im Juni 2016 Opfer eines brutalen
Überfalles wurden: Sie wurden angeschossen und überlebten schwer verletzt. Die
Polizei konnte den Täter nie ermitteln. Für Arasch R. und Lisa S. war dennoch klar,
wer für den brutalen Überfall verantwortlich war: der verfeindete Hells Angel
Dariusch F.

Der
Hass war auch vorher schon groß. Nun sollte er das weitere Leben von Arasch R.
bestimmen. Er wollte Rache. Blutrache, wie er es bei einem Besuch von Lisa S.
in seiner Untersuchungshaft nannte, die Polizei hörte das Gespräch heimlich
mit. Selbst konnte er nichts tun. Seine Freundin aber war in Freiheit, und ihre
Liebe zu ihm war bedingungslos. Sie war bereit, Arasch R. zu rächen. Sogar
bereit, dafür einen Mord zu begehen. Am 26. August leiht sie sich von Araschs Schwager
den Mercedes Coupé, holt damit einen unbekannt gebliebenen Mann am Hauptbahnhof
ab, lauert mit ihm Dariusch F. auf, bis die Gelegenheit zum Schießen günstig
erscheint, und flieht. Eine Woche später besucht sie Arasch R. wieder in der
Untersuchungshaft. “Wir sind jetzt Bonnie und Clyde”, jubeln die beiden. Am Tag
darauf wird auch Lisa S. verhaftet.

Mit
der gemeinsamen Zukunft ist es vorbei. Auch von der abgöttischen Liebe ist am
Tag des Urteils nichts mehr zu sehen. Die beiden sitzen Meter voneinander
entfernt, abgeschirmt durch ihre Anwälte, bewacht von neun Justizbeamten mit
Schlagstock und Handschellen am Hosenbund. Lisa S. blickt ihren einstigen
Traummann nicht ein Mal an. Und Arasch., äußerlich ein betont männlicher Typ
mit dichtem Bart und Tattoos, wirkt an diesem Tag wie ein kleiner Junge, der
mit hängenden Schultern eine Strafpredigt seiner Mutter über sich ergehen lassen
muss.

In
der Hamburger Justiz fürchtet man, dass die Blutrache mit diesen Urteilen nicht
vorbei sein wird. Die verfeindeten Rocker haben sogar in diesem Prozess
deutlich gemacht, dass sie ihre Angelegenheiten untereinander regeln und nicht
über die Polizei oder die Justiz. Dariusch F. hat sich geweigert, im Ermittlungsverfahren auszusagen, sodass das Gericht ihn erst gar nicht als Zeugen
vorgeladen hat. Alle rechnen damit, dass die Hells Angels jetzt wiederum Rache
an Arasch R. und Lisa S. nehmen werden. Die beiden sind im Gefängnis von den
anderen Gefangenen isoliert, damit ihnen hinter Gittern nichts passiert.

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