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US-Podcast “Chapo Trap House”: Fürs linke Ohr der Amerikaner

An einem warmen Frühlingsabend sitzen Will Menaker, Virgil Texas und Matt Christman in einem Biergarten in Brooklyn, um über Politik zu sprechen. Auf dem Tisch steht Budweiser in roten Plastikbechern. Man diskutiert über die Präsidentschaftskampagne von Bernie Sanders, über die Ziellosigkeit der Demokraten und über die Frage, ob und wie in den USA eine breite Arbeiterbewegung entstehen könnte.

Das kann tatsächlich sehr unterhaltsam sein – weshalb Menaker, Texas und Christman in der überschaubaren linken Szene der USA eine gewisse Prominenz erreicht haben. Als Chapo Trap House betreiben sie mit zwei weiteren Kollegen seit drei Jahren einen erfolgreichen sozialistischen Podcast. Der Titel ist zusammengesetzt aus dem Spitznamen des berühmten mexikanischen Drogenhändlers Joaquín “El Chapo” Guzmán und dem Szenewort für eine Drogenhöhle – schon das zeigt, dass die Macher sich selbst nicht allzu ernst nehmen. “Ich wollte einfach einen Titel, der auf Anhieb bescheuert klingt”, sagt Menaker, der in Jogginghose zum Interview gekommen ist.

Das Projekt entstand aus einer losen Twitter-Bekanntschaft. Im Februar 2016 traten die Chapos dann erstmals gemeinsam im Podcast eines Freundes auf, um sich über das übersteigerte Pathos im Michael-Bay-Film 13 Hours lustig zu machen. Man teilte denselben Humor, ähnliche politische Überzeugungen, und so startete kurz darauf der eigene Podcast.

“Clinton ist eine bescheuerte Figur, die man veralbern muss”

Die Anfänge der Sendung sind eng verknüpft mit dem Präsidentschaftswahlkampf 2016. Alle im Chapo-Team sind erklärte Anhänger des sozialistischen Senators Bernie Sanders. Hillary Clintons Nähe zur Wall Street und ihre Absage an eine weitreichende Umverteilungspolitik macht die ehemalige US-Außenministerin damals wie heute zum Feindbild vieler Sanders-Fans. “Clinton ist eine bescheuerte Figur, die man veralbern muss”, sagt Menaker. Die Late-Night-Talker und Comedians hätten sie jedoch weitgehend in Ruhe gelassen und gleichzeitig Sanders und dessen Anhänger verspottet. Chapo Trap House entwickelte sich daraufhin zum medialen Anker für all jene Amerikaner, die sich politisch weit links von Clinton verorten und denen die Poitik der demokratischen Parteiführung noch immer zu gemäßigt ist. Während Bernie Sanders mit seinen damals radikal anmutenden Forderungen nach einer allgemeinen Krankenversicherung und einer Verdoppelung des Mindestlohns den Begriff Sozialismus in den USA zumindest für junge Großstädter salonfähig machte, lieferte Chapo Trap House die popkulturelle Untermalung.

Mittlerweile hat der Podcast mit seinen 200.000 Hörern eine Art Kultstatus erreicht. Zweimal pro Woche setzen sich die Chapos zusammen, um echte und humorvoll gefälschte Interviews zu führen, die linksliberale Presse zu persiflieren und mit Gästen über die politischen Ereignisse der Woche zu sprechen. Ein Studio gibt es nicht, die Podcasts werden meist in der eigenen Wohnung aufgenommen. Der improvisierte und oft derbe Humor ist volle Absicht. In einer der neuesten Folgen empfehlen die Podcaster den Demokraten zum Beispiel, systematisch Gerüchte über Donald Trumps Inkontinenz zu streuen, um ihn damit von der Tagespolitik abzulenken. Gegen Beto O’Rourke plante Chapo Trap House ein fiktives Mordkomplott, weil der gemäßigte demokratische Präsidentschaftsbewerber so gut aussehend und charmant sei, dass er Bernie Sanders gefährlich werden könne.

Auch nicht viel besser als Trump

Chapo-Comoderatorin Amber A’Lee Frost hat für diese Art von Humor den Begriff Dirtbag Left, also Drecksack-Linke geprägt. Man müsse die Vulgarität von den Trumps dieser Welt zurückholen, schrieb Frost schon vor dessen Wahl. “Sonst behindern wir uns mit unserer Artigkeit nur selbst.” Eine obszöne Welt könne man nur begreifen, wenn man selbst obszön sei, findet auch Texas. “Außerdem hat gerade ein sehr obszöner und vulgärer Mensch die Präsidentschaft gewonnen.” Grundlose Höflichkeit und vermeintliche Seriosität habe der liberalen Linken also wenig gebracht. Überhaupt ist die linksliberale Mitte das Lieblingsziel der Chapos. Daran hat auch der Wahlsieg Donald Trumps nichts geändert.

Während sich viele Demokraten an den Verfehlungen der Trump-Regierung abarbeiten, spötteln die Chapos mit Vorliebe über gemäßigte Demokraten, deren mangelndes Klassenbewusstsein und Wehklagen über Trumps vermeintliche Entgleisungen. “Sie sind zahnlos”, sagt Texas. “Und weil sie gegen Trump nichts ausrichten können, geben sie sich Verschwörungstheorien rund um den Mueller-Report und Impeachment-Fantasien hin.” In jedem Podcast schwingt unterschwellig die Überzeugung mit, dass die Demokraten – aus sozialistischer Perspektive betrachtet – auch nicht viel besser sind als Trump. Und dass sie dessen Aufstieg mit ermöglicht haben, weil sie die Interessen der Arbeiterschaft nicht vertreten.

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