/Medien in Österreich: “Allianzen mit der Kronenzeitung sind nicht belastbar”

Medien in Österreich: “Allianzen mit der Kronenzeitung sind nicht belastbar”

Fritz Plasser, geboren 1948 in Wien, war Dekan am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Innsbruck. In der Studie “Politik in der Medienarena” (2008) hat er untersucht, inwiefern die Berichterstattung der “Kronenzeitung” das Ergebnis der österreichischen Nationalratswahl 2007 beeinflusst hat. Zwölf Jahre später scheitert die Regierungskoalition zwischen ÖVP und FPÖ wegen eines Videos. Darin empfiehlt der FPÖ-Chef und spätere Vizekanzler Heinz-Christian Strache einer vorgeblichen russischen Investorin, sich in die “Kronenzeitung” einzukaufen, das redaktionelle Programm zu verändern und damit die Stimmen für die FPÖ in der Wahl 2017 steigern.

ZEIT ONLINE: Herr Plasser, läuft das wirklich so?

Fritz Plasser: Nein, das wäre nie realisierbar gewesen. Das wäre ein redaktioneller Putsch gewesen. Sein “Zack, zack, zack … dann werfen wir vier Leute raus und bauen vier andere auf und die schreiben dann alle für uns und das bringt uns acht Prozent mehr Zustimmung” – das ist im Bereich des Fantastischen und eine abscheuliche Vorstellung.

ZEIT ONLINE: Sie selbst haben den Terminus von Österreich als “Boulevarddemokratie” geprägt. Ist Straches Idee nicht das, was man sich darunter vorstellen muss?

Plasser: Was wir hier hören und sehen konnten, bestätigt meine These. Aus zweierlei Gründen. Erstens: Boulevardmedien haben einen außergewöhnlich hohen Anteil an der österreichischen Printleserschaft. Ich meine nicht nur die Kronenzeitung, die täglich rund zwei Millionen Österreicherinnen und Österreicher erreicht, sondern auch die beiden sehr auflagenstarken Gratiszeitungen Heute und Österreich. Allein in Wien decken diese drei Medien über 70 Prozent der Zeitungsleserschaft ab. Das gibt es sonst nirgends in Europa.

ZEIT ONLINE: Und zweitens?

Plasser: Wir haben in Österreich nicht nur eine Boulevardisierung der Zeitungslandschaft, sondern auch eine Boulevardisierung des Politikverständnisses vieler politischer Eliten. Und das führt wiederum zu dieser unglaublichen und schamlosen Aussage von Heinz-Christian Strache.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Studie schrieben Sie, die Kronenzeitung sei beispiellos in ihrer Bereitschaft, politische Entscheidungen zu beeinflussen und letztlich auch das Rollenverständnis der Politiker zu verändern. Was meinen Sie damit?

Medien in Österreich: Der Politikwissenschaftler Fritz Plasser

Der Politikwissenschaftler Fritz Plasser
© Celia di Pauli/Universität Innsbruck

Plasser: Wir können bei manchen Politikern eine Rollenüberschreitung feststellen. Sie agieren und denken nicht mehr als Politiker – Gestaltung, Suche nach Mehrheiten und Unterstützung, Kompromisse, Problemlösung –, sondern denken in manchen Bereichen bereits so wie Redakteurinnen der Boulevardmedien. Sie denken in möglichst plakativen Nachrichten, in populären Themen, die Interesse und Emotionen erregen. Dringliche sachpolitische Probleme werden dann nicht mit jener Beharrlichkeit und Aufmerksamkeit verfolgt wie andere, die eben redaktionelle Titelthemen bringen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Plasser: Man sieht das in Österreich seit 2015 bei den Themen Migration, Zuwanderung, Integration. Vor allem Spitzenpolitiker der FPÖ behandeln diese Themen in überdramatisierter Weise, und das steht im scharfen Gegensatz zur objektiven Entwicklung. Die Asylbewerberzahlen gehen ja zurück. Mithilfe der Boulevardmedien wird aber ein anderer Eindruck in der Bevölkerung erzeugt, ein immer bedrohlicherer.

ZEIT ONLINE: Meinen Sie, dass sich populistische Politiker mit populistischen Medien verschwören?

Plasser: Die müssen sich gar nicht dazu treffen oder etwas gemeinsam planen. Sie denken einfach nur ähnlich. Hier zeigt sich eine informelle Koalition zwischen einem bestimmten Typus von Politikern und einem bestimmten Typus des Journalismus.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie das redaktionelle Programm der Kronenzeitung beschreiben?

Plasser: Sie ist eine sehr erfolgreiche Boulevardzeitung, die sich bemüht, interessierte Leser auch in sachpolitischen Bereichen zu informieren. In einer verständlichen, einfacheren Sprache. Sie erreicht Gesellschaftsteile, die nicht die langen, komplexen Artikel des Standard lesen. Und sie hat ein thematisch breiteres Repertoire als zum Beispiel die Bild-Zeitung. Hier wird nicht nur punktuell emotionale Aufmerksamkeit erregt, nicht nur Sensationslust befriedigt. Den Lesern das Gefühl zu geben, dass es auch noch anderes Interessantes gibt: Das spüre ich als konstruktive redaktionelle Absichten. Die Kronenzeitung kann auch wirklich behaupten, dass sie täglich einen Querschnitt der österreichischen Bevölkerung in allen sozialen Schichten erreicht. In Deutschland mag es für den Oberstudienrat nicht so gut sein, wenn seine Schüler sehen, wie er die Bild-Zeitung kauft. Die Kronenzeitung zu lesen ist in Österreich überhaupt kein Problem. Ich lese Presse, Standard, Kurier und Kronenzeitung.

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