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“Game of Thrones”: Ein Lob auf den Spoiler

Die größte Lüge unter
Filmliebhabern ist, dass sie sich gern überraschen lassen. In den allermeisten
Fällen schauen wir auf Sky, Amazon und Netflix nicht irgendetwas, noch viel
weniger kaufen wir an der Kinokasse wahllos ein Ticket. Wir wissen im Gegenteil
sehr genau, was uns erwartet, von jenem Regisseur oder diesem Genre. In der Romanze wird sich das Paar
zum Happy End bekommen – egal, wie sehr die Liebe zwischendurch gefährdet erschien.
Ebenso werden in einer Superheldenserie die Superhelden letztlich dem Tod
entrinnen und erfolgreich gewesen sein. Wir lieben diese Filme trotzdem. Genau
darin besteht das Wunder der Fiktion: Wir tun nur so, als wüssten wir nicht
genau, was hier gerade läuft.

In Wochen wie diesen, da
sich ein großes Filmepos wie The Avengers oder ein großes Serienepos wie Game of Thrones dem Ende neigt, sehen wir nun überall Spoilerwarnungen: Nicht
weiterlesen, es sei denn, Sie haben keine Angst vor Erkenntnis! Vor wenigen
Jahren noch Bestand Kulturkritik darin, sich mit einem Werk, dem Dargestellten
und seinem Gemachtsein gründlich auseinanderzusetzen. Inzwischen scheint es
immer öfter darum zu gehen, sich möglichst lange bedeckt zu halten, um dem
Publikum die Spannung nicht zu verderben. Darth Vader ist Lukes Vater! Albus
Dumbledore stirbt! Die Drachenzähmerin Daenerys Targaryen wird sie alle
niederbrennen! Nur ein Menschenfeind käme heute auf die Idee, das zu verraten. Nicht
einmal ein Kritiker.

Aber woher kommt eigentlich
diese grassierende Phobie vor Spoilern? Der Begriff ist längst nicht so alt wie
das Filmemachen. Zwar taucht er schon seit den Sechzigerjahren vereinzelt auf,
regelmäßig benutzt wird er jedoch erst seit den Achtzigerjahren, als Filmfans
begannen, sich in frühen Internet-Newsgroups auszutauschen. Ursprünglich meinte
“Spoilern” das Verraten eines wesentlichen Plot-Twists, einer
Überraschung, die die Handlung in eine neue Richtung schubst.

Heute sind Kommentarspalten
und soziale Medien voll von solchen Unterhaltungen. Fans überbieten sich
gegenseitig mit akribischen Beobachtungen zu ihren Lieblingsfilmen oder
Lieblingsserien. “Forensic fans” nannte sie daher der Film- und
Medienwissenschaftler Jason Mittell 2009 in seinem Buch Television and American Culture. Sie betrachten jede
Szene, jede Einstellung, jede Dialogzeile so genau, dass sie sogar einen
versehentlich abgestellten Starbucks-Kaffeebecher entdecken, der nur einen
Sekundenbruchteil im Bild war.

Das stellt Filmemacher und
Produzenten vor neue Aufgaben. Wenn die Zuschauer nicht bloß das dem Genre
angemessene Ende kennen, sondern auch noch jeden Informationsschnipsel
analysieren – wie sollten dann Filme idealerweise aussehen? Genau: Sie wären
voller überraschender (und keinesfalls immer logischer) Wendungen und Rätsel. Inzwischen
finden sich in vielen Filmen Twists und Ereignisse, deren Bedeutung für den
Fortgang der Handlung völlig irrelevant ist. Es geht allein um die unerwartete Inszenierung.

So kam es jüngst dazu, dass
selbst Helden sterben müssen (Bond in Skyfall, Spider-Man in Avengers:
Infinity War),
nur um später doch wieder aufzutauchen als wundersam
Überlebender oder Protagonist eines neues Sequels. Insofern haben die Macher
von Game of Thrones übrigens tatsächlich einen neuen Weg
eingeschlagen, indem sie selbst Figuren, die den Fans richtig ans Herz
gewachsen waren, exekutierten (und nicht allen ein Comeback als Zombie
schenkten).

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