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Russland: Die Scharfmacher

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Man könnte diesen Twitter-Nutzer für einen vielseitig interessierten
EU-Bürger halten. Er meldet sich bis zu 60 Mal pro Tag, auf Niederländisch, Deutsch, Englisch
und Spanisch. Er kommentiert Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ebenso
wie die Krimkrise oder die Katalonienfrage. Doch etwas macht seinen Account verdächtig.
Ständig will er Streit säen. Er provoziert, verdreht Fakten, macht Stimmung gegen Muslime und
für den Brexit, für Trump und gegen die EU. “Das EU-Gericht ist das neue Nazi-Gericht”,
schrieb er jüngst.

Merkwürdiger noch ist: In den letzten vier Wochen hießen mehr als 800 Accounts zeitweise genauso wie dieser eine Twitter-Nutzer. Alle nur für kurze Zeit. Was soll das?

Dieses Bäumchen-wechsle-dich-Spiel passt zu Strategien russischer Trolle. Der vermeintliche EU-Bürger ist offensichtlich ein virtuelles Namensschild, das im Netz weitergereicht wird. Die Spur führt nach St. Petersburg, in die Trollfabrik Internet Research Agency (IRA). Vor einigen Jahren wurden etliche Accounts der IRA enttarnt und gesperrt – mit einigen von ihnen war dieser Nutzer auffällig eng verknüpft gewesen.

Niemand weiß, wie viele solcher Trolle es gibt oder wie viele Menschen im Netz auf sie hereinfallen. Nur dass es sie gibt, lässt sich nicht bestreiten. Und dass auch die Europawahl auf ihrer Agenda steht.

Für Staaten wie Russland ist das Internet ein Geschenk: Es erlaubt, Meinungen und Wahlen in anderen Ländern zu manipulieren, ohne einen Schuss abzufeuern, viel Geld auszugeben oder das eigene Personal unnötig in Gefahr zu bringen. Es ermöglicht, Demokratien vom Schreibtisch aus zu unterspülen und zu verunsichern.

Der Kreml hat dieses Potenzial früh erkannt. Da sind die Geheimdienste GRU und SWR, deren Spezialisten mit erbeuteten Daten Politik machen. Und da sind die Trolle auf Plattformen wie Facebook und Twitter, gesteuert von Meinungs-Manufakturen wie der IRA in St. Petersburg. Sie heizen Konflikte an und befeuern Kampagnen in Deutschland, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. Wie erfolgreich das sein kann, zeigte sich im Herbst 2016 – als die Wahl des US-Präsidenten Donald Trump von Russland aus beeinflusst wurde.

Die russische Regierung nutzt diese Grauzone zwischen Krieg und Frieden im großen Spiel der Geopolitik als eleganten Weg, den eigenen Einfluss auszuweiten. Aber wie fing das alles an und wo? Wer die Spur der Trolle sucht, muss auch fragen, mit welcher Software sie arbeiten. Deshalb beginnt die Recherche an einem unerwarteten Ort.

Die perfekte Kurve

In der spanischen Hauptstadt Madrid sitzt Javier Perez Dolset, 49 Jahre alt, groß gewachsen, leise Stimme, an einem Konferenztisch und muss lächeln, als er sich erinnert: an zwei Balken, die man mit Drehreglern nach oben und unten steuern kann, an einen Pixelball, den man treffen und zurückspielen muss. Er sei sechs Jahre alt gewesen, erzählt er, da habe sein Vater ihm eine
Pong-
Konsole geschenkt. Seitdem sei er besessen von Videospielen. Und vom Programmieren. “Ich war der größte Nerd der Schule.”

Mit Ende zwanzig entwickelte er 1998 das Erfolgsspiel
Commandos.
Heute gehört zu seinem Imperium die private Universität U-tad am Stadtrand von Madrid samt modernem Campus, auf dem die Straßen nach europäischen Städten benannt sind und wo die Studierenden das Programmieren lernen können. Auf dem Campus befindet sich auch sein Animationsstudio, das Filme für US-Studios produziert. Die Leidenschaft fürs Digitale zieht sich also durch sein Leben, sie hat Perez Dolset allerdings auch Ärger eingebracht. Rechtsstreitigkeiten. Den Verlust der Kontrolle über seine wichtigste Firma. Und nicht zuletzt die Verstrickung in eine der größten politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart: den Krieg der Trolle.

Diese Geschichte beginnt um das Jahr 2010. Perez Dolsets Firma ZED hat damals mit Produkten rund um den Mobilfunk schon seit Jahren gutes Geld verdient: mit Klingeltönen, Musik, Spielen. Doch als die sozialen Netzwerke immer wichtiger werden, versteht Perez Dolset, was das für seine Klienten, Mobilfunkanbieter mit Hunderttausenden Kunden, bedeuten kann – wenn sich dort wütende Menschen zusammentun, um sich über Produkte oder Dienstleistungen zu beschweren.

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