/Wrestlerin “Slammerella”: Boom! Bang! Pow! Wham!

Wrestlerin “Slammerella”: Boom! Bang! Pow! Wham!

“Steig ihr ins Leben!”, schreit einer von den 300 Zuschauern, die sich um
den Wrestling-Ring versammelt haben. Der Kampf findet in einem Gasthaus in Stockerau statt,
eine halbe Autostunde nördlich von Wien. Slammerella nimmt sich gerade Luna Lavalle vor:
Schulterwürfe, G’nackwatschen, Schwitzkasten. “Gib ihr!”, schreit ein Bursche mit einem
“Catchen, Oida!”-T-Shirt. “Ka Hanterlhalt’n!”, seine Freundin. Aus den Boxen dröhnt die
niemals enden wollende Hymne
Final Countdown
der schwedischen Hardrockband
Europe.

Die Atmosphäre bringt etwas Ami-Flavour in die Provinz. Alles wirkt recht niederschwellig: für die Wrestler essenziell, interagieren sie doch mit dem Publikum, das eine fast genauso wichtige Rolle einnimmt wie die Bubblegum-Gladiatoren selbst. Alle wollen an den Ernst der Lage glauben. Kinder in der Vorderreihe zittern mit, für sie ist jede Einlage ein potenzieller Todesgriff. Zum dritten Mal gastiert die Spitzenliga in diesem Wirtshaus, zum dritten Mal ist der Watschentanz ausverkauft.

Catchen ist eine Mischung aus Kampfsport, Andeutung, übertriebener Geste und Impro-Theater. Ein Männerballett, bei dem zunehmend auch Frauen in den Ring steigen. Vieles ist Show, anderes tut wirklich weh. Für den Fall der Fälle sitzt eine Ärztin mit gefalteten Händen und stoischem Blick an einem Extratisch. Die Wrestler mimen den sterbenden Schwan, lassen sich im Zweifelsfall aber doch noch ein paar Minuten leben. Körper fliegen und schlagen hart auf. Man wartet darauf, dass der Ring zusammenkracht, wenn schon nicht die Knochen brechen. Nach einigen Extrarunden verbiegt Slammerella Luna Lavalle hollywoodreif. Ein Glockenschlag beendet den Kampf, der Schiedsrichter erklärt Slammerella zur Siegerin.

Unter tosendem Applaus raus aus dem Ring, vorbei an vollständig tätowierten Typen und deren Rockerbräuten mit kurzen Röcken und langen blonden Haaren. Klischees werden hier nicht entlarvt, sondern zelebriert. Viele junge Burschen fachsimpeln, aber auch Eltern mit Kindern und Pensionistenpaare tummeln sich um die inszenierte Blutwiese. An den Wänden hängen neben Wrestling-Postern Plakate, welche für Schlagerabende werben. Am Fliesenboden liegt noch Konfetti vom Vortag.

Slammerella braucht ein paar Minuten, um sich vom Kampfgeschehen zu erholen. Backstage wird teilweise Englisch gesprochen, die Wrestler kommen aus ganz Europa. The Human Brexit ist der Spitzname eines Kämpfers aus London. Slammerella ist aufgewühlt. Sie hat zwar das Match gewonnen, doch ihr Lebenspartner, der auf den Wrestlernamen Sultanov hört, hat sich gerade im Ring eine Verletzung am Bein zugezogen. “Er ist schon dreimal am Knie operiert worden”, klagt sie. Sultanov muss ins Spital. Er und Slammerella haben sich über das Wrestling kennengelernt. “Ich hab ihn schon abwatschen müssen, aber nur im Ring”, erzählt sie.

Außerhalb der Wrestling-Liga heißt Slammerella Andrea Haid und besitzt einen Bachelor in biomedizinischer Analytik sowie einen Magister in regenerativer Medizin. “Ich arbeite in einem Wiener Pharmaunternehmen in der Entwicklung, wo wir uns hauptsächlich mit seltenen Krankheiten beschäftigen”, sagt sie. “Den Ausgleich im Ring schätze ich sehr.” 1990 geboren und in Zeltweg aufgewachsen, ist sie über ihre älteren Brüder und ihren Vater – allesamt eingefleischte Wrestling-Fans – mit dieser Unterhaltungsform in Berührung gekommen. Gemeinsame Fernsehtermine waren Pflicht, ebenso der Besuch von Wrestling-Events in der Umgebung. “Abgesehen davon hatte ich ein normales, langweiliges Landleben”, sagt sie lachend.

Ihr Vater hat noch die legendären Catcher-Abende am Wiener Heumarkt gesehen, die zuletzt von dem 2017 verstorbenen “Big Otto” Wanz organisiert wurden. Als Wanz 1998 aufhörte, die Heumarkt-Kämpfe zu managen, entstand ein Vakuum in der österreichischen Wrestling-Szene. Der unter dem Kampfnamen Humungus bekannte Catcher Gerhard Hradil wollte die Lücke füllen und gründete die Wrestling School Austria (WSA), die bis heute aktiv ist. Mit seiner Truppe bespielt er regelmäßig Lokale in Wien, ihre Shows sind noch theatralischer und mehr auf Comedy angelegt als jene der European Wrestling Association (EWA), die den Auftritt in Stockerau verantwortete.

Slammerella versuchte – noch lange, bevor sie ihren Namen, ein Kompositum aus Slam und Cinderella, gefunden hatte – mit ihren Brüdern nachzustellen, was sie im Fernsehen gesehen hatten. Die Kampfmusik wurde auf Kassetten zusammengestellt, der Ring mit Matratzen ausgelegt. Bis zu einer gewissen Ernsthaftigkeit dauerte es aber noch. Nach der Matura zog sie zum Studieren nach Wien, wo sie die EWA-Wrestlingschule von Michael Kovac fand. Ihren zukünftigen Trainer hatte sie bereits mehrmals live in Aktion gesehen, er zählt zu den erfolgreichsten Wrestlern des Landes und hat bereits unter Wanz am Heumarkt gecatcht. Seit fünf Jahren trainiert sie dort regelmäßig. Ihr Leben ist strikt durchgeplant: aufstehen, arbeiten, trainieren, schlafen. “Ziemlich langweilig eigentlich, hm?”, sagt sie halb im Scherz und zuckt mit den Schultern. “Das ist die Routine hinter der Aufregung.”

Erste Trainingslektion: fallen lernen. Man verteilt den Aufschlag auf eine möglichst große Körperfläche, so tut es weniger weh. “Die Grundlage des Wrestlings ist, den Gegner als Erstes zu schützen”, lautet ein Satz aus einem Video mit Slammerella. Sie nickt: “Man kämpft zwar gegeneinander, aber man will das ja so oft wie möglich tun. Nicht wie bei Mixed Martial Arts, wo man sich komplett die Lichter ausschaltet.” Beim Wrestling soll der Gegner nicht gleich in der Luft zerrissen werden, sondern der Schaukampf dient in erster Linie der Unterhaltung.

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