/Sprache: Hass im Netz

Sprache: Hass im Netz

Sprache bildet nicht nur Realitäten ab, zugleich erschafft sie diese oder
zerstört sie. Sprache ist in gewissem Sinne die Göttin Kali, schön und furchterregend. Wo die
Grenzen des Sagbaren verschoben werden, dort folgen – oft genug fast zwingend – auch
irgendwann die Handlungen. Erst in kleinen Portionen, Stückchen um Stückchen immer intensiver,
bis sie irgendwann in das große Krachen eines entsetzlichen Ausbruchs münden. Gewissermaßen
von leichter Magenverstimmung bis zum das Leben gefährdenden Magendurchbruch, wenn man den
Patienten Sprache einer diagnostischen Untersuchung unterziehen will. Aber es sind ja nur
Worte, könnte man einwenden, Worte töten nicht, Worte sind harmlos.

Doch im Netz wachsen diese vielen kleinen Worte zu Lawinen an, von einem harmlosen Steinchen, das auf der Bergspitze ins Kullern gerät, bis hin zu der Naturkatastrophe, die alles unter sich zermalmt. Das geschieht anonym und unter Klarnamen, in Gruppen und in einzelnen Attacken, von dem Unbekannten ums Eck bis hin zum Politiker in hohem Amt und Würden. Es verstärkt und verwebt sich gegenseitig zu einer Kakofonie, die auch im Stande ist, die einzelnen Stimmen der Vernunft zu übertönen, und diese sogar kurzfristig zum Verstummen bringt.

Das Netz verbindet und grenzt gleichzeitig aus. Wenn man von Gesindel und Abschaum spricht, wenn man behauptet, alle Mitglieder einer bestimmten Minderheit würden kriminelle Handlungen setzen, mein Gott, was für eine Aufregung! Es findet sich doch bestimmt ein Vertreter dieser Minderheit, der tatsächlich straffällig geworden ist. Wozu also dieser überkorrekte moralinsaure Aufstand, könnte man einwenden. Es ist ja nur ein Gerücht. Und wenn die Schlagzeilen diverser Boulevardblätter fast täglich eine Dosis dieser Gerüchte in die Welt drucken, hat das irgendwann auch Folgen. Und wenn Politiker mit diesem Boulevard spielen und flirten, sich gegenseitig bestärken, sich teilen und verlinken, bis die Fingerspitzen glühen, dann hat auch das Wirkung. Sprache ist nicht nur die vielarmige Todesgöttin Kali, sie ist auch Grenzwächterin und Grenzverschieberin.

Die Entmenschlichung durch Sprache ist nichts Neues. Auch ohne Internet, ohne sämtliche Social-Media-Plattformen ließ sich die Entmenschlichung mithilfe von Sprache schon immer prächtig vorantreiben – im Nationalsozialismus, bei den Pogromen in Europa, faktisch bei jedem Genozid. Das Gegenüber musste, lange bevor es vernichtet werden konnte, aus allem Gemeinsamen entfernt und effektiv seines Menschseins entkleidet werden. Nur wenige wären ad hoc und ohne Langzeitvorbereitung dazu bereit, die Hand gegen ihren Nachbarn, gegen einen Menschen aus der näheren Umgebung zu erheben. Gegen Kinder.

Es sind viele kleine Schritte, die dafür notwendig sind, eine gewisse Desensibilisierung zu erzeugen und damit den nächsten Schritt in der Bevölkerung möglich zu machen, das hat auch der Autor Michael Köhlmeier in seiner viel diskutierten Rede festgehalten. Das Gift macht die Dosis, und die Dosierung ist Kunst. Diese Kunst hat offenbar wieder eifrige Anhänger gefunden. Genau deswegen sollte man sich dessen aber in genau diesen Breitengraden bewusst sein. Genau deswegen ist es auch Erbe und Verantwortung, die Verrohung nicht noch einmal mitzutragen und schon gar nicht sie erneut zu ermöglichen, gar voranzutreiben. Sollte man meinen. Es ist schon alles dazu gesagt und analysiert worden, von Sigmund Freud und seiner
Massenpsychologie und Ich-Analyse
über Elias Canettis
Masse und Macht
bis hin zu
Ist das ein Mensch?
von Primo Levi. Jeder kann sich die leicht zugänglichen Informationen holen.

Es ist kein Geheimnis. Dennoch wird es Mode, diese Verkettungen und Abfolgen infrage zu stellen, bis hin zu Revisionisten, die Gedenkstättenführungen so lange gezielt sabotieren, bis sie hinausgeworfen werden. Bis hin zu Neuen Rechten, die dieselben alten Vernichtungswünsche und Verschwörungstheorien pflegen, die schlussendlich auch den Terroranschlag in Christchurch getriggert haben und deren Querverbindungen auch nach Österreich führen. Jener “große Austausch” der Bevölkerung, den der Mörder in Neuseeland bemühte, wird auch von so manchem freiheitlichen Funktionär befürchtet. Es etabliert sich hier vor aller Augen eine gemeinsame Sprache, die schon zu Gewalt führte: bis jetzt ohne Konsequenz.

Es ist eigentlich ohne Lupe zu erkennen, wie diese Abläufe miteinander zusammenhängen. Die Übereinkunft des “Nie wieder!” scheint zu erodieren, auszufransen. Auf die Verantwortung wird gepfiffen, wenn ein persönlicher Vorteil winkt. Es ist einfach. Es bietet sich an.

Die Unterstellungen und Lügen sind geschrieben, um zu bleiben

Dabei es geht längst nicht mehr um altes Düsteres, das nicht wiederkehren darf. Es geht auch um neue Feindbilder und Sündenböcke, wobei man nie zu sicher sein sollte, dass die alten Feindbilder und Sündenböcke nicht eines Tages doch wieder in Mode kommen. Alles dreht sich, alles fließt, alles ist möglich. Das zu vergessen wäre zwar unvernünftig, aber kurzfristig vielleicht auch beruhigend.

Nur so scheint erklärbar, warum der öffentliche Aufschrei erst folgenlos verhallt und schließlich ganz ausbleibt, wenn von “konzentrierter” Lagerhaltung gesprochen wird, wenn Erstaufnahmezentren rechtswidrig zu “Ausreisezentren” umbenannt werden. Aber es ist ja nur ein Wort, könnte man einwerfen, nur ein Wort.

Schon ist das Spiel mit verhetzenden Begriffen eine Sache, die keine großen Folgen mehr nach sich zieht. Politiker und Politikerinnen können jetzt dieses Spiel mit Hingabe betreiben, und sie werden in den seltensten Fällen Konsequenzen befürchten müssen. Das wissen sie auch, was in mehrfacher Hinsicht fatal ist. Was die Politik vorlebt, die ja eigentlich eine Vorbildwirkung haben sollte, das lässt man als labiler Bürger umso schneller weiterfluten – es ist ja offenbar ganz offiziell in Ordnung, so zu sprechen. Das ist vielleicht eines der fatalsten Dinge an den unendlichen Reichweiten des Netzes: die schnelle Verfügbarkeit und die große Nähe, die das dort verbreitete Wort zu den Empfängern in nicht einmal Bruchteilen von Sekunden erschafft. Neben dieser schnellen Erreichbarkeit lässt auch die Halbwertszeit solche Botschaften bedrohlich erscheinen: Die liegt nämlich nahe an unendlich. Die Bösartigkeiten, die Unterstellungen, die Lügen und die Verleumdungen sind geschrieben, um zu bleiben. Ihre Echos jagen, immer noch verstärkt durch weitere Zufügungen, durch das Netz, selbst dann, wenn der ursprüngliche Konflikt längst nicht mehr aktuell ist. So speisen sie weitere Konflikte.

Nur ein Wort, könnte man einwenden. Nur ein unglücklich gewählter Satz.

Hits: 0