/Facebook: Auf dem Bildschirm sieht er ein Foto von sich. Darunter steht, er sei ein Mörder

Facebook: Auf dem Bildschirm sieht er ein Foto von sich. Darunter steht, er sei ein Mörder

Am Nachmittag des 9. April 2018, dem Tag, an dem er erfährt, dass er ein
Mörder sein soll, sitzt Daria Eameri in seiner Altbauwohnung in Wien auf dem Ecksofa und
starrt in seinen Computer. Eameri blickt in sein eigenes Gesicht, das ihn vom Bildschirm aus
anlächelt. Mehr als 10.000-mal wurde sein Bild auf Facebook geteilt. Er soll, so sagen sie es
dort in Kommentaren, mit seinem Kleinbus in eine Menschenmenge gerast sein. Er habe zwei
Menschen getötet, mehr als 20 verletzt und sich danach selbst erschossen. Panik steigt in ihm
auf.

Es ist dieser Tag, der das Leben des Daria Eameri in zwei Hälften teilt, in ein Davor und ein Danach. Davor hatte Daria Eameri das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben: Abitur, Zivildienst in einer Jugendpsychiatrie, Psychologiestudium in Wien. Davor gibt es genau einen Daria Eameri.

Danach gibt es zwei. Einmal den echten. Daria Eameri, der gern fotografiert. Der Freunde hat, eine glückliche Beziehung, eine intakte Familie. Und dazu den unechten: das Hassobjekt. Den vermeintlichen Mörder, dessen Bild im Internet herumgereicht wird, ohne dass der echte Daria Eameri etwas dagegen tun kann.

Die Geschichte davon, wie Daria Eameri die Kontrolle über seine Identität verliert, beginnt zwei Tage zuvor, es ist der 7. April 2018, und in Münster fährt um 15.27 Uhr ein Mann mit einem Campingvan in eine Menschenmenge. Noch am selben Tag identifiziert die Polizei den Täter als den 48-jährigen Jens R.

Hunderte Kilometer entfernt erhält Daria Eameri eine Facebook-Nachricht. Es ist ein ehemaliger Mitbewohner. Er arbeitet beim österreichischen Fernsehsender oe24.

Tobias, 17.05: “Ich weiß, hundert Jahre nichts voneinander gehört, aber
ich bräuchte deine Hilfe. Du bist ja aus Münster, dort hat es eben einen Anschlag gegeben.
Ich bräuchte jemanden Ortskundigen, der mir am Telefon in unserer Sendung ein bisschen was
berichten kann. Wie das vor Ort so ist. Altstadt, dürfen da Autos rein?”

Daria Eameri sagt zu. Er hilft gern. Und er liebt Münster. Warum sollte er nichts zu seiner Heimatstadt sagen? Er bekommt einen Anruf und wird ins Studio geschaltet.

Was er nicht weiß: Während des Interviews blendet oe24 ein Porträtfoto von ihm ein, das auf Facebook zu finden war. Eameri selbst sieht es nicht. Er spricht über Münsters wunderschönes altes Zentrum, über seine, wie er sie nennt, “große Kleinstadt”. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei. Denkt er.

Aber es geht erst richtig los.

Am nächsten Tag, es ist der 8. April 2018, lädt irgendwo ein “Franck Haase” Daria Eameris Bild bei Facebook hoch. Das Foto hat er von einem Bildschirm abfotografiert.

Franck Haase, 12.02:

Hier ein Foto vom psychisch gestörten ‘deutschen’
Jens, der für das Attentat in Münster verantwortlich ist. Was fällt euch dabei auf???”

Eameris Eltern kamen in den Siebzigern zum Studium aus dem Iran nach Deutschland. Seine Hautfarbe, seine dunklen Augen und Haare hat er von ihnen. Auch seinen Bildungshunger. Im Januar 2018 hat er sein Psychologie-Studium abgeschlossen, nach einer Orientierungsphase, in der er in einem Café gejobbt und sich in einem Kunstverein engagiert hat, würde er gerne mit krebskranken Kindern arbeiten. Am liebsten wieder in Münster, wo er viele Kindheitsfreunde hat; sie sind heute Juristen, Ärzte, Banker. Derzeit wartet er auf Antworten auf erste Bewerbungen. Beschreibt Daria Eameri sein bisheriges Leben, dann erzählt er von einem behüteten Aufwachsen in der deutschen Mittelschicht. Das war davor.

Und danach?

Das Bild wird geteilt. 100-mal. 500-mal. 1000-mal. 2000-mal. 5000-mal.

“Franck Haase”, der die Lüge in die Welt gesetzt hat, ist ein Phantom. Sein Profilbild zeigt eine Katze mit Pupillen in Form der HSV-Raute, seine Posts glorifizieren die AfD und hetzen gegen Flüchtlinge. Hinter der Katze könnte jeder stecken. Haase ist ein Troll, der Facebook für rechte Propaganda missbraucht.

Nach dem rechtsextremen Amoklauf im neuseeländischen Christchurch hat Facebook verkündet, nun auch gegen
“white nationalists”
vorzugehen, gegen Rechtsnationalisten, die einen Nationalstaat der “weißen Rasse” propagieren. Bis dahin hatten die Moderatoren einem internen Handbuch des Netzwerks zufolge die Anweisung, solche Ansichten zu tolerieren. Wenig später schrieb Facebook-Gründer Mark Zuckerberg dann in der
Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:
“Wir müssen die Regeln für das Internet neu aufstellen, um das Gute zu bewahren.” Er wünschte sich mehr staatliche Regulierung.

Das klang gut. Denn wie zögerlich Facebook bisher gegen rechte Hetze vorgegangen ist, wie sehr es manche Nutzer im Stich ließ, das zeigt die Geschichte von Daria Eameri.

Osmanischer Eseltreiber”

Wie kommt jemand aus der Regierung darauf das volk so zu betrügen, mittlerweile wird schon jeder als Deutscher tituliert der eine deutsche Telefonkarte besitzt.”

Immer mehr Facebook-Mitglieder, die “Franck Haases” Post teilen, tun so, als zeige Daria Eameris Bild Jens R., den wahren Attentäter von Münster. Auch die AfD-Politiker Hans-Martin Schaefer und Sandro Scheer.

Schaefer, 12.51: “Jens R.: Ein typisch deutscher Sauerländer!”

Scheer, 12.54: “Das ist nun also Jens R. Deutscher. Ich erinnere mich
noch sehr gut an Anis Amri. Da war auch mehrere Tage ein polnischer LKW Fahrer der Täter
hätte man den Verantwortlichen geglaubt.”

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