/Britische Soulmusik: In Körper, Geist und Seele vereint

Britische Soulmusik: In Körper, Geist und Seele vereint

Als Boris Johnson, Nigel Farage und ihre
Wasserträger im Sommer 2016 mit der Leave-Keule durch Großbritannien
tourten, waren Hejira gerade ganz woanders. Das gilt zunächst einmal buchstäblich:
Die Band aus South East London hat weite Teile der vergangenen drei Jahre in Addis Abeba verbracht, dem Heimatort der Vorfahren ihrer Sängerin und Bassistin Rahel Debebe-Dessalegne. Es gilt aber auch bildlich: Zu Hause in England
wurde gelogen, gehetzt und gejammert, bis sich die Balken und Mehrheitsverhältnisse
bogen, da suchten Hejira gerade in der äthiopischen Hauptstadt nach
Wahrhaftigkeit.

Die Band um Debebe-Dessalegne, die
Multiinstrumentalisten Sam Beste und Alex Reeve sowie einige Teilzeitverbündete
gibt es seit 2010, doch in Gang scheint sie erst jetzt zu kommen. Schlechtes
Timing könnte der Grund sein: Während Hejira bodenhaftende Songs mit
jazzigem Muckertum verbanden, formierte sich in ihrem Londoner Heimatstadtteil
und den angrenzenden Vierteln eine neue Grime- und Straßenrapwelle, die mit
ihren Beschreibungen von harter Lebensrealität und hedonistischen
Ausbruchsversuchen beinahe alles unter sich begrub, was einen behutsameren Ton
anschlagen wollte.

Also Addis Abeba. Dort gründeten Hejira
ihre eigene Plattenfirma und schrieben jene Songs, die kürzlich auf ihrem
zweiten Album Thread Of Gold erschienen sind. Debebe-Dessalegne betreibt
damit Spurenanalyse und Wurzelbehandlung: Zwischen äthiopischer Musikgeschichte,
der Vergangenheit ihrer Familie und ihrer britischen Gegenwart versucht sie
eine in sich schlüssige Identität zu finden. Hejiras Sound bleibt
erdig-organisch, ihre überbordende Musikalität jedoch tritt hinter Field
Recordings aus dem Simien-Gebirge und anderen Anzeichen von Reiseromantik zurück.
Endlich scheint die Band damit einen Nerv zu treffen.

Soul aus London war in den letzten Jahren
entweder Adele oder Zerstückelungsmusik. Einflussreiche Künstlerinnen wie FKA twigs und The xx gaben dem einstigen Genre des entflammten Selbstausdrucks ein
neues, weniger eindeutiges Erscheinungsbild. Ihre zurückgenommenen, vielfach
gebrochenen Stücke entstanden unter dem Einfluss des maschinell hochgezüchteten
Spätneunziger-R-‘n’-B von Aaliyah, aber auch in Kollaboration mit
elektronischen Grenzgängerproduzenten wie Arca. Es ging noch immer um
Leidenschaft, Körperlichkeit und Sex, die Tischbeine unter beinahe jeder
Soulplatte. Sie traten jedoch vermehrt in gehemmter, abgewandelter und unterdrückter
Form auf.

Das war der Sound der Großstadt: ein
scheinbar ewig währendes Bemühen um zwischenmenschliche Verbindungen und
Intimität, das immer wieder an der eigenen Verunsicherung oder
Unverbindlichkeit scheiterte. Die Körperlichkeit des Soul wurde zu einer Frage
der richtigen Software – und durchlief damit eine Entwicklung, die sich zeitgleich
auch in der menschlichen Interaktion unter dem Einfluss von Dating-Apps und
Social Media beobachten ließ. Als Resultat daraus zersplitterten bei FKA twigs
und zahlreichen ihrer Weggefährtinnen und Nachahmerinnen sowohl der Körper als
auch die Stimme. Identität wurde nicht mehr gesucht, sondern permanent neu
konstruiert.

London war Ausgangspunkt dieser
Entwicklung. Durchsetzen sollte sie sich überall: bei transatlantischen
Pendlerinnen wie Kelela und James Blake, bei Ibeyi aus Paris, sogar bei
Ex-Folkies wie dem Londoner Sohn und Bon-Iver-Bandleader Justin Vernon aus
Wisconsin. Wenn eine Band wie Hejira nun versucht, die Einzelteile ihres Sounds
wieder in größeren Einklang zu bringen und auf Stimmenverfälschung,
elektronische Verfremdung und sonstige Computerhilfe weitgehend verzichtet,
macht sie das jedoch nicht zum Einzelfall. Es scheint in der britischen Hauptstadt eine neue Sehnsucht nach geordneten Soulverhältnissen zu geben.

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