/Verena Brunschweiger: Mutter? Niemals!

Verena Brunschweiger: Mutter? Niemals!

Ein Kind ist das Größte, was zwei Menschen schaffen können. Ein Kind ist
Glück, Erfüllung, Zukunft. Wer ein Kind hat, weiß, warum er lebt, sagen die Eltern. Wer ein
Kind hat, hat überhaupt kein Leben, sagt Verena Brunschweiger, die sich gerade im Fond eines
winzigen Autos in einen dicken Plüschmantel rollt und trotzdem friert. Ein furchtbarer
Heuschnupfen hat ihrem Immunsystem zugesetzt. Und dann ist da noch ihr jüngstes Buch, das
gerade so viel Wirbel macht. Im Internet, im Fernsehen, in allen größeren Zeitungen und
Magazinen, auch in der
ZEIT
.
Am Steuer sitzt ihr Mann. Wenn er es einrichten kann,
begleitet er sie in diesen Tagen zu allen Terminen.

Kinderfrei statt kinderlos ist ein wütendes, Brunschweiger sagt “radikalfeministisches”, Pamphlet gegen das Kinderkriegen und das Muttersein, beides für sie schreckliche Anachronismen, die auch intelligente, gebildete Frauen in eine Hölle namens Familie treiben. Wie sie da sitzen mit leckenden Busen und treulosen Gatten, bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich eine Existenz schönzureden, die sie im Grunde hassen. Man bekomme ja so viel zurück. Was denn?, fragt Brunschweiger. Volle Windeleimer, ausgeleierte Beckenböden und einen dramatischen Karriereknick obendrauf? Wann immer sie in den vergangenen 15 Jahren gefragt wurde, warum sie keine Kinder habe, lag ihr die Antwort auf den Lippen: “Weil ich nicht so enden möchte wie ihr.”

Im Buch geht sie über diesen ursprünglichen Impuls hinaus und benennt Verbündete wie die angelsächsische Childfree-by-Choice-Bewegung, den südafrikanischen Antinatalisten David Benatar und einen kanadischen Klimaaktivisten. Sie alle raten aus sozialen, philosophischen oder umweltpolitischen Gründen dringend von der Fortpflanzung ab. Brunschweiger schreibt nicht: Menschen sind schlecht fürs Klima, was kaum einer leugnet. Sie schreibt “Kinder sind der Klimakiller Nummer 1”. Da liegt der Verdacht nahe, dass ihre Sorge um die Erdatmosphäre nur herhalten muss, um ihren Kreuzzug gegen das Kinderkriegen klimapolitisch zu legitimieren.

Und dann ist sie auch noch Lehrerin! Für Deutsch, Englisch und Ethik an einem Regensburger Gymnasium. Als die
Bild-Zeitung den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes fragte, was er von der “Herzlos-Lehrerin” halte, sagte Heinz-Peter Meidinger: “Ich hoffe, dass die Dame als Lehrkraft mehr Empathie für ihre SchülerInnen aufgebracht hat, als diese unsäglichen Äußerungen befürchten lassen.”

Meidinger habe leider gar nichts verstanden, findet Brunschweiger: “Das ist kein Buch gegen die Kinder, die schon da sind, erst recht nicht gegen meine wunderbaren Schüler. Ich spreche mich nur dagegen aus, noch mehr neue Leute auf die Welt zu setzen.” Aber so genau wolle das offenbar keiner wissen.

Doch, das will man. Man will auch wissen, woher der Groll kommt, diese Angst vor der Reproduktion. Darum sitzt man in dem kleinen Drei-Liter-Auto, das ihr Mann Jörg durchs verregnete Passau manövriert. Am Fluss geht es bergauf, ein paar Kurven noch, eine Ampel, und die Bilderbuchstadt am Zusammenfluss von Donau und Inn ist weit weg.

Jörg Brunschweiger, sie trägt seinen Namen, parkt hinter dem gigantischen Oberleitungsmast, der die Siedlung überragt. Davor und dahinter Wohnblöcke in abblätterndem Pastell. In einem dieser Blöcke ist Verena Brunschweiger aufgewachsen, Erdgeschoss, wenig Licht, Schimmel im Bad, Schimmel in der Küche. Nach ihrer Geburt 1980 waren ihre Eltern, zwei Studenten kurz vor dem Abschluss, froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. “Und dann haben sie 30 Jahre gebraucht, um hier wieder wegzuziehen.”

Sie stapft, inzwischen auch mit Plüschmütze, durchs nasse Gras bis unter das Vordach ihres ehemaligen Hauseingangs. Das Vordach muss neueren Datums sein, Brunschweiger erinnert sich nicht mal an die Treppengeländer. Die Tür geht auf, ein Mann im Trainingsanzug bringt den Müll raus.

Und, Überraschung, auch drinnen wurde renoviert. Weiße Wände, gewienerter Boden. In ihrer Kindheit sei die ganze Siedlung “schlammbraun oder kotzgrün” gewesen. Der Geruch ist noch wie früher, eine merkwürdige Mischung aus Putzmittel und Mensch. Sie möchte als Erstes den Keller sehen, da durfte sie nicht mehr runter, nachdem eine Spielkameradin dort von ein paar Besoffenen nackt ausgezogen worden war. Natürlich habe keiner die Polizei gerufen. “So lernt man früh, auf sich aufzupassen.” Sonst mache das nämlich keiner.

Heute ist auch der Keller sauber. Sie muss trotzdem niesen, der Heuschnupfen, ihr Mann tupft ihre verwischte Wimperntusche ab.

“Hängt da wirklich nichts mehr?”

“Nein, du siehst großartig aus.”

Dann setzt sie sich, immer noch mit Mütze, auf die Stufen und sagt einen Satz, der jetzt doch überraschend klingt: “Ich hatte schon eine tolle Kindheit.”

Die Härte verschwindet aus ihrem feinen Gesicht, wenn sie von den vielen Kindern im Block erzählt, die die Nachmittage gemeinsam verbrachten. Schnell Hausaufgaben machen, und sie waren frei, kletterten auf Garagendächer, schauten doch mal in den Gruselkeller. Zehn Minuten den Berg runter, und sie waren am Inn, und am anderen Ufer lag Österreich. “Da gab’s dann die guten Sachen: Palatschinken, Marillenknödel.” Einmal, nach einem Kindergeburtstag in einer schicken Einfamilienhaussiedlung, hat beim Nachhausebringen ein Mädchen voller Entsetzen gefragt: Was, hier wohnst du? Brunschweiger fand das peinlich. Für das Mädchen. “Ein typisches Bonzenkind.”

Bonzen, so nannten die Eltern, zwei stramme Linke, alle, deren Lebenslügen sie zu durchschauen glaubten. Mein Haus, mein Auto, meine Fernreise. Finanziell wäre so ein Bonzenleben drin gewesen, ihr Vater ist Bauingenieur, die Mutter hat stundenweise im Kunstmuseum gearbeitet. “Aber das kam für meine Eltern nicht infrage.” Das ist der Geist, in dem sie aufgewachsen ist: Hüte dich davor, zur stumpfen Mitläuferin des kapitalistischen Systems zu werden. Denn was alle wollen, muss nicht richtig sein, was alle denken, kann trotzdem falsch sein. Ihr Vater war einer der Ersten, die ihr zum
Kinderfrei-Manifest gratulierten. “Ich seh’s genau wie du”, habe er gesagt. “Familie ist ein reaktionäres Projekt.” Fanpost bekommt sie ansonsten von älteren kinderlosen Damen, die sich freuen, dass eine junge Frau aufschreibt, was sie schon immer denken.

Es ist ja noch nicht so lange her, dass ihre Haltung feministischer Mainstream war. Bis in die Nullerjahre galt selbst gewählte Kinderlosigkeit als natürliche Lebensform deutscher Akademikerinnen. Damals war klar: Job oder Kinder. Beides auf einmal ging meistens schief. In dem anrührenden Text “Warum ich kein Kind habe” beschreibt Alice Schwarzer, wie viele ihrer ehemaligen Mitstreiterinnen am Kinderhaben zerbrochen sind. Weil ihnen die Partner wegliefen, weil sie in Einsamkeit und Überforderung vergingen und es insgesamt wenig Verständnis dafür gab, dass Mütter ein eigenständiges Leben wollten.

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