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SPD: Einsam im Erzgebirge

Über das schlechte Bild, das viele Menschen von Sachsen haben, kann Frank Stark sich mächtig aufregen. Er sei viel rumgekommen in der Welt, als Maschinenbauingenieur und früherer
Inhaber einer Möbelfabrik. Das erzählt der 67-Jährige am “Küchentisch”, einer SPD-Dialogveranstaltung im Ratskeller Schwarzenberg. Und je länger der Mann mit der knallroten Seglerjacke spricht, umso mehr redet er sich in Rage: Selbst in China werde
er ständig auf Sachsens Rechte angesprochen.

Stark sagt, er finde es auch nicht gut, dass zuletzt jeder Dritte in der Kreisstadt im Erzgebirge
die AfD wählte. Doch der Ex-Unternehmer will sich seine Heimat auch nicht von Berlinern oder anderen Nichtsachsen diskreditieren lassen: Wirtschaftlich laufe es rund, die Menschen
hier seien freundlich und fleißig. Politik und Medien in Berlin schürten gern pauschale
Urteile über seine Heimat. Aber, und das ist sein zentraler Vorwurf, das seien meist nur Ferndiagnosen. Vorbei käme nie jemand: “Wenn Pegida nicht gewesen wäre, dann wären Sie
doch gar nicht da”, ruft er. 

Sorgen anhören und mitnehmen

Martin Dulig, Sachsens Vizeministerpräsident, hat genau zugehört. Er wiegt den Kopf. Er ist Spitzenkandidat der SPD bei der kommenden Landtagswahl. An diesem Abend hat er die Rolle als Vertreter des Establishments. Er lobt Stark erst mal dafür, dass er so
offen rede.

Hinter dem sanierten Rathaus, in dem
die Veranstaltung stattfindet, rauscht der Fluss Schwarzwasser lautstark ins Tal hinunter,
aus den Wäldern kriecht abendliche Kühle in die schmuck sanierte Altstadt. 20
Kilometer weiter ist die tschechische Grenze. “Ich finde auch, dass nicht immer fair mit Sachsen umgegangen wird”,
sagt Dulig. Aber den Rechtsextremismus dürfe man nicht kleinreden. Jeder
Bürger müsse sich klar von den Rechten abgrenzen. 

Mit dem alten Küchentisch der Familie Dulig tourt die Sachsen-SPD
schon seit 2014 durchs Land. Wer ein Anliegen hat, kann sich zu Dulig und einigen Lokalpolitikern an den Tisch setzen. Es geht um Behindertenwerkstätten,
Impfschäden, Umgehungsstraßen und den Stress von Kitaerzieherinnen. Die SPD hofft, so auch ihren Kandidaten, den sechsfachen Familienvater und SPD-Ostbeauftragten, bekannter
zu machen. An diesem Abend sind gerade mal 40 Leute gekommen. Einige Stühle bleiben leer.

Im Herbst sind Landtagswahlen in Sachsen. Die SPD ist hier strukturell so
schwach wie sonst fast nirgendwo in Deutschland. 12,4 Prozent bekam sie 2014 im ganzen Land. In Schwarzenberg waren es sogar nur 8,9 Prozent. Inzwischen sind Dulig und seine Mitstreiter froh, dass landesweit stabil
zwischen 10 und 12
Prozent liegen und trotz der schwierigen Lage der Bundes-SPD nicht so
stark nach unten stürzten wie andere Landesverbände. 

Seit fünf Jahren
ist der 45-Jährige als Wirtschafts-, Verkehrs- und Arbeitsminister der zweitmächtigste Politiker in Sachsen. Aber er oder seine Partei profitieren davon bislang kaum. Auch an diesem Abend kommt er nur selten dazu, auf eigene Erfolge oder die des Bundeslandes hinzuweisen. Stattdessen muss er stets über Dinge sprechen, die
nicht funktionieren. Oder erklären, dass nicht er, sondern die Kommunen schuld
daran seien, dass beispielsweise die Umgehungsstraße noch nicht gebaut ist. 

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