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Reinhard Grindel: Ein schwacher Präsident

Nimmt man alle Deutschen, die Reinhard Grindels Rücktritt als DFB-Präsident bedauern, bekäme man wohl keine Fußballmannschaft zusammen. Seine Entscheidung ist eine Erleichterung für den deutschen Fußball. Grindel war unbeliebt, weil er manch unbeholfenen Auftritt hinlegte, sich Verfehlungen in finanzieller Hinsicht leistete und sportpolitische Fehler in Serie beging. Grindel war ein schwacher DFB-Präsident.

Bei einer Kicker-Umfrage sprachen sich im Vorjahr rund 95 Prozent der Leserinnen und Leser gegen ihn aus, das ist selbst für Sportfunktionäre ein beachtlicher Minuswert. Den Ausschlag für seine immerhin rasche Einsicht gab aber etwas anderes: die jüngsten belastenden Berichte, zuletzt über eine geschenkte Uhr aus der Ukraine, von denen nun beinahe täglich zu lesen war. Ein Zeichen, dass es innerhalb des DFB Kräfte gab, die Grindel loswerden wollten. Grindel wurde von seinen eigenen Leuten abserviert.

Sein größtes Versprechen hat er nicht gehalten: Nach dem Skandal um die WM 2006 wurde Grindel Ende 2015 Präsident, um einen “neuen DFB” zu gestalten. Den gibt es nicht. Jüngst wurde bekannt, dass er von 2016 bis 2017 heimlich 78.000 Euro erhielt – für einen Aufsichtsratsposten in einer DFB-Tochtergesellschaft, eine Tätigkeit mit geringem Aufwand. Der Öffentlichkeit hat der offizielle Ehrenamtler dies verschwiegen.

Heimlich waren auch die Beraterverträge, die er Vertrauten jahrelang für nebulöse Dienstleistungen zukommen ließ. Die Uhr, die er sich von einem Uefa-Kollegen schenken ließ, war im Vergleich dazu noch das geringste Vergehen, auch wenn Grindel seinen Rücktritt allein damit erklärte, dass er “im Stress des Amtes” den Materialwert dieser Luxusware nicht erkannt habe.

Lavieren in der Affäre Özil

Überhaupt hat Grindel seine Glaubwürdigkeit in Fragen der Compliance längst eingebüßt. Die Vergütungen, die er für seine Gremientätigkeit in der Fifa und der Uefa erhielt und auch weiterhin erhalten wird, belaufen sich auf mindestens 400.000 Euro jährlich. Nach seinem Amtsantritt sagte er im ZDF: “Ob ich dieses Geld in vollem Umfang in Anspruch nehme oder vielleicht wohltätigen Zwecken zuführe, darüber werde ich mir Gedanken machen.” Ob er diese Ankündigung wahr machte, darüber gab er auch auf Nachfrage nie Auskunft. “Tue Gutes und rede darüber!” Grindel hat nur geredet.

Der DFB-Präsident hat auch eine gesellschaftspolitischer Aufgabe. Ihr zeigte sich Grindel nicht gewachsen. Die Affäre Özil konnte er nicht moderieren, er trug durch seinen wankelmütigen Kurs sogar zur Eskalation bei, weswegen ihn nicht nur Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble rügte. Schon als CDU-Politiker war Grindel in Integrationsfragen ein Hardliner. Unüblich wie unnötig verlängerte er den Vertrag mit Joachim Löw bereits vor der WM 2018, wodurch er sich selbst, wie sich nach dem Ausscheiden herausstellte, den Spielraum beschnitt.

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