/“Ansichten aus der Mitte Europas”: Loofen musses

“Ansichten aus der Mitte Europas”: Loofen musses

Kann man die Sachsen auch zu Tode verteidigen? Ja – wenn man ihnen einen
derartigen Heldenmut, eine so überbordende politische Weisheit unterstellt, dass es klingt,
als wäre die ganze Welt blöd, nur die Sachsen nicht.

Die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau, selbst Sächsin, hat ein Buch über ihr Volk geschrieben:
Ansichten aus der Mitte Europas.
Es erscheint dieser Tage, es geht darin um die Sachsen, ihre Heimat und deren Bewahrung. Es geht um diejenigen, die die Heimat angreifen (Wessis zuvorderst), und diejenigen, die sie trotzig verteidigen (Sachsen eben). Es ist ein Buch geworden, in dem die Sachsen sehr gut wegkommen und alle anderen sehr schlecht. Dass Antje Hermenau dieses Buch schreiben wollte, ist verständlich – schon rein menschlich. Denn die Häme, die Wut und der Zorn auf die Sachsen waren in den vergangenen Jahren abenteuerlich und fies und übertrieben. Antje Hermenau, deren “Mutterwitz” (so steht es auf dem Buchcover) schon legendär war, als sie noch als putzmuntere Fraktionschefin die sächsischen Grünen überforderte – Hermenau also hatte schon länger den Impuls, ihre Sachsen zu beschützen.

Aber kann man das tun, ohne auch über die Häme, die Wut und den Zorn der Sachsen selbst zu sprechen? Denn haben sich die Sachsen ihr schlechtes Image nicht auch hart erarbeitet?

Nun: Eigentlich, schreibt Hermenau, wollten die Sachsen nicht mehr als einfach gut regiert werden. Sie formuliert es in sächsischem Idiom: “Is mr eechentlich egal, wer da ohm den Gassbr machd, aber loofen musses.” Hochdeutsch: “Ist mir eigentlich egal, wer da oben den Kasper macht, aber laufen muss es.” Die Wendung “loofen musses” ist ein Kernsatz der Hermenautischen Sachsen-Erklärung: “Die Sachsen möchten von jemandem regiert werden, der sich als Geschäftsführer der Sachsen GmbH versteht. Der soll den Leuten nicht mit erhobenem Zeigefinger in die Feierabendgestaltung reinquatschen, … sondern möchte bitte einfach dafür sorgen, dass alles ruhig und ordenlich läuft.” Damit seien die Sachsen zufrieden. Aber wehe, es “loofe” nicht.

Für Hermenau sind die Sachsen eine Art Sensorvolk oder Volkssensor. Im Moment fühlten sie, was schlecht laufe. Der Sachse empfinde es etwa als Belastung, dass er das Gefühl bekomme, “man solle erzogen werden, womöglich noch politisch, um sich ‘den neuen Herren anzupassen'”. Der Sachse habe eine “Resilienz gegen Auswüchse des Zeitgeistes und drohende globale Katastrophen”. Zumal: Was in den Nachrichten komme, sei “sowieso nur zur Hälfte wahr, und diese Hälfte ist auch mehr Meinung als Information”. Den Sachsen störe besonders “der ständige Gebrauch der Nazi-Keule, um eine Diskussion zu vermeiden oder sich selbst nach Veilchen duftend für etwas Besseres zu halten”.

Auch außenpolitisch sei der Sachse unzufrieden. Auf EU-Ebene loofe es dann, wenn “die EU ihre Außengrenzen ordentlich schützt. Kann sie das nicht, wollen die Leute ihre nationalstaatliche Grenzsicherung zurück”. Ein legitimes Ziel, klar, aber fordern das nur Sachsen? Hermenau ist schon beim nächsten Punkt: Man habe “keine harte Währung mehr”, dafür aber “den Eindruck, das angeschlossene Gewerbegebiet einer lateineuropäischen EU zu sein”. Und nicht mal der Besserwessi weiß noch Rat: “Nun, nach den für uns harten 1990er-Jahren, die manchen Sachsen auf die Couch, in Krankheiten, in den Selbstmord oder in den Westen getrieben haben, stellt sich heraus, dass die Wessis auch keinen Plan haben, wie es weitergehen soll.” Über die Sachsen in den Neunzigerjahren schreibt Hermenau: “Der Eindruck, die ‘weißen Neger’ zu sein, kam nicht zu Unrecht auf.” Steht das da echt? Ja, steht da.

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