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Engagement im Alter: Die Stadt der Alten

Jeden Dienstagmittag parken an der Fensterfront des Allerlüd
in Lüchow die Rollatoren. Heute gibt es Fischfilet mit
Möhren in Senfsauce für vier Euro, alle Tische im Saal des Mehrgenerationenhauses sind gedeckt. Wer sich nicht rechtzeitig
anmeldet, landet auf einer Warteliste, denn es bleibt selten ein Platz
frei. Noch lange, nachdem abgeräumt ist, sitzen kleine Grüppchen beieinander, reden über die Sprüche der Enkel oder darüber, wie es
werden soll, wenn der Bornemann seine Praxis aufgibt. Dann gibt es hier
nämlich keinen Augenarzt mehr. Doch die Alten von Lüchow werden sich wahrscheinlich zu helfen wissen. So wie sie für fast alle Probleme eine Lösung finden.

Der Kreis Lüchow-Dannenberg hat jetzt schon eine
Altersstruktur, die demnächst viele ländliche Orte in Deutschland prägen wird: 27 Prozent der Menschen hier waren laut Statistischem
Landesamt bereits 2017 über 65 Jahre alt. Zum Vergleich: 1970 waren es 18
Prozent. Wenn die
Babyboomer, die vielen Menschen, die zwischen Mitte der Fünfziger- bis Ende
der Sechzigerjahre geboren sind, in Rente gehen, werden die Alten
hier weit mehr als ein Drittel der Bevölkerung stellen. 

Engagement im Alter: Rollatoren an der Fensterfront im Allerlüd

Rollatoren an der Fensterfront im Allerlüd
© Parvin Sadigh

Aber obwohl der Augenarzt wohl keinen Nachfolger findet und die Volksbank ihre Filialen auf den Dörfern schließt, ist die Region alles andere als trostlos. In Lüchow und den dazugehörigen Dörfern mit den knapp 9.500 Einwohnern lässt sich sehen, wie die Gesellschaft der Zukunft gelingen könnte: mit den Alten
gemeinsam. Sie kümmern sich selbst um andere Senioren, um die Lokalpolitik, um Kultur, Umwelt, Bildung oder Sport. 

Länger arbeiten, wenn es Spaß macht

Eine Forsa-Umfrage zu den Babyboomern im Auftrag der Körber-Stiftung zeigt, dass viele der heute 50- bis
75-Jährigen noch viel anbieten wollen: ihr Fachwissen etwa, ihre Menschenkenntnis und ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen. Fast
70 Prozent der Befragten können sich vorstellen, länger zu arbeiten, über 40 Prozent
wollen sich engagieren oder tun es ohnehin schon. Hinzu kommt, dass die
heute 65-Jährigen gebildeter und gesünder sind als frühere Generationen.
Sie haben noch viel Energie. Viele glauben laut Umfrage, ihr Potenzial
werde unterschätzt. Aber, auch das sagt die Studie: Ihr Engagement muss
ihnen Spaß machen.

Um sich einzubringen, müssen die engagierten Menschen auf Politiker treffen, die sie zu schätzen wissen. Es braucht Orte wie das Allerlüd in Lüchow. “2013
wurde das Haus mit viel Geld aufwendig umgebaut”, erzählt Bürgermeister
Manfred Liebhaber stolz, der selbst schon 68 ist und beim Mittagessen mit Hallo und Umarmungen empfangen wird. Wer will, kann im Mehrgenerationenhaus einfach nur plaudern, zur Gymnastik oder zum Yoga gehen. Es gibt aber auch eine Werkstatt und ein
Bücherzimmer, in dem Freiwillige Kindern vorlesen. Und wer eigene Ideen hat, kann auch selbst etwas anbieten.

Wie die 74-jährige Undine Stiwich. Für ihre wendländische
Tanzgruppe nutzt sie einen der großen Mehrzweckräume im Allerlüd. Hier bringt sie Jungen und Alten gemeinsam die schweißtreibenden Tänze bei. Die Frauen mit rotem Kopftuch, die Männer mit schwarzem Hut und einem Stab mit bunten Bändern: In ihrer Tracht treten sie in ganz Europa auf. Das ist aber nur eine von Stiwichs ehrenamtlichen Tätigkeiten. Die zierliche Frau mit den blonden langen Haaren erzählt beispielsweise im Seniorenheimen Märchen und organisiert Kunstausstellungen im historischen Lüchower
Amtsturm und im Dannenberger Waldemarturm. Und sie ist immer noch berufstätig, leitet mit 20
Stunden in der Woche das Stadtarchiv. In Dannenberg ist sie in dieser
Funktion zwar mit 60 schon in Rente gegangen. Im Nachbarort Lüchow hat sie aber mit 61 wieder
angefangen, zu arbeiten, denn hier wurde eine ausgebildete Archivarin dringend
gebraucht.

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