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Christchurch: “Der Kreuzritter-Mythos ist für solche Terroristen entscheidend”

In einem im Internet verbreiteten 74-Seiten-Schreiben hat sich ein 28-jähriger Australier für das Attentat von Christchurch verantwortlich erklärt, bei dem mindestens 49 Menschen starben. Was trieb den Mann an und was bedeutet die Inszenierung der Tat? Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London. Dem Wissenschaftler zufolge zeigt das veröffentlichte Manifest, dass sich der mutmaßliche Attentäter in einer Tradition mit dem rechtsextremen Norweger Anders Breivik und seinem Anschlag von 2011 sieht.

ZEIT ONLINE: Herr Neumann, was wissen wir über die
Motivation des Attentäters von Christchurch?

Peter Neumann: Das Manifest des Täters, das er
offensichtlich vor der Tat geschrieben und veröffentlicht hat, legt nahe: Das
war ein rassistischer, rechtsextrem motivierter Anschlag. Er speist sich aus
einer Kombination von neuer und alter rechter Ideologie. In dem Manifest stehen krude rassistische Dinge, die ich eher der Neonaziszene zurechnen würde,
aber auch viele neurechte Elemente, die man eher bei Identitären finden würde.
Der Titel des Manifests lautet: “Der große Austausch”. Dieser angebliche
Bevölkerungsaustausch ist die bekannteste Verschwörungstheorie der Neuen
Rechten.

ZEIT ONLINE: In seinem Manifest nimmt der Täter auch Bezug
auf Anders Breivik, den rechtsextremen Attentäter aus Norwegen. Er behauptet
sogar, er habe den Segen von Breivik erhalten und mit ihm in Kontakt gestanden.
Glauben Sie ihm?

Neumann: Das sollte man mit Vorsicht genießen. Ich kann mir wirklich
nicht vorstellen, dass der Täter mit Breivik Kontakt hatte. Vielleicht hat er
ihm einen Brief geschrieben. Mehr nicht. Aber dass er das schreibt, zeigt, wie
sehr er sich in der Tradition von Breivik und seinem Anschlag von 2011 sieht.
Sowohl in der Ausführung als auch ideologisch hat sich der Attentäter als
Nachfolger von Anders Breivik gesehen. Das sieht man auch im Format des Manifests.
Das ist zum Teil ein Interview mit sich selbst. Wie bei Breivik. Es ist auch
ähnlich geschrieben, ähnlich aufbereitet. Und wenn er seine Vorbereitungen
beschreibt, die angeblich zwei Jahre gedauert haben, dann ist das auch ähnlich wie
bei Breivik, der sich angeblich auch zwei Jahre auf seinen Anschlag vorbereitet hat.
Breivik hat diese ganze Ideologie der Kreuzritter geschaffen und ihr mit seiner
Tat die Strahlkraft verliehen. Der Täter von Christchurch sah sich in der
Tradition dieser Idee und war dadurch nicht nur irgendein Loser, sondern Teil
einer großen historischen Bewegung. Das ist für Terroristen immer wichtig.
Denn niemand will ein einzelner Loser sein. Jeder will etwas sein, das groß ist
und bedeutend. Der Kreuzritter-Mythos, den Breivik geschaffen hat, das ist für
solche Terroristen wie in Christchurch entscheidend.

ZEIT ONLINE: War der Attentäter also gar nicht der
Einzeltäter, zu dem er nun gemacht wird?

Neumann: Doch, es sieht so aus, als sei er ein Einzeltäter
gewesen. Doch es gibt einen Unterschied, der sich in den nächsten Tagen noch
klären wird: Breivik war wirklich ein einsamer Wolf, der relativ wenig mit
anderen Leuten kommuniziert hat. Bei diesem Täter kann ich mir gut vorstellen,
dass er ziemlich intensiv in virtuellen Subkulturen unterwegs war, in
Internetforen wie Reddit oder 8Chan, wo er sich mit anderen Leuten
ausgetauscht hat.

ZEIT ONLINE: Der Täter hat die Tat dort sogar angekündigt
und sie dann auf Facebook live übertragen.

Neumann: Er hat alle medialen Mittel genutzt, die ihm zur
Verfügung stehen. Er hat das Manifest online gestellt, versucht, die Tat live
zu übertragen, einen Mythos um die eigene Person zu schaffen. Und so andere zu
ähnlichen Taten anzustiften.

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