/Autonomes Fahren: Im Roboterauto vom Seniorenheim ins Theater

Autonomes Fahren: Im Roboterauto vom Seniorenheim ins Theater

US-Firmen,
die an Robotertaxis arbeiten, lassen ihre Modelle derzeit vor allem auf
Universitätscampussen oder in den Citys der Tech-Zentren an der amerikanischen
Westküste fahren. Der Mobilitätsdienstleister Voyage dagegen hat sich ein ganz
spezielles Testfeld gesucht: die Rentnerstadt The Villages in Florida. 125.000
Menschen verbringen dort ihren Lebensabend, in einer Ansammlung malerischer
Kleinstadtnachbauten mit rund 1.200 Kilometern Straßen.

The
Villages ist eine sogenannte retirement community – eine Gemeinde mit homogener
Bevölkerung, ein Mikrokosmos für sich. “Rentnerkommunen sind der perfekte
Startplatz für das echte fahrerlose Auto”, erläutert Voyage-Gründer Oliver
Cameron in seinem Blog. Er glaubt sogar, sie seien auf absehbare Zeit die
einzigen Orte, wo das autonome Fahren funktioniere.

Eine ideale Umgebung für selbstfahrende Autos

Vor
allem zwei Gründe sprechen in seinen Augen für die Rentnersiedlungen. Zunächst
sind sie – mehr noch als ältere US-Städte – auf dem Reißbrett konzipiert und
entsprechend leicht für die Roboterautos zu lesen. Die Tempolimits sind
niedrig, die Straßenführung ist auf die Sicherheit der Bewohner ausgelegt und
die Verkehrsdichte gering. Spielende Kinder auf der Straße gibt es faktisch
nicht – alle unter 19 Jahren brauchen einen Besucherpass und dürfen höchstens
30 Tage bleiben.

Neben
den ruhigen Verkehrsbedingungen sind die Bewohner das größte Plus. Die älteren
Menschen wollen mobil sein, möchten sich häufig aber nicht mehr mit einem
eigenen Auto belasten. Viele fühlen sich auch gar nicht mehr fit genug, selbst
zu fahren. In den Villages ist also nahezu jeder Einwohner ein potenzieller
Voyage-Kunde. Die Feindschaft, die den Roboterautos in anderen US-Städten
entgegenschlägt, gebe es bei den Senioren in Florida nicht, heißt es bei
Voyage. Im Gegenteil: Die Roboter sind keine potenzielle Gefahr, sondern
herzlich willkommen.

Eine
perfekte Umgebung trifft auf die perfekten Kunden – für Mobilitätsdienstleister
ein Paradies. Und ein Wachstumsmarkt: Seniorenresidenzen liegen in den USA
schwer im Trend.

Die selbstfahrenden Taxis haben es in dem Seniorenort vergleichsweise einfach.
© PR: Voyage

Roboterbusse als ÖPNV-Ersatz

In
Deutschland gibt es keine derartig homogenen Siedlungen. Hier rückt stattdessen
der ländliche Raum zunehmend in den Fokus der Mobilitätsdienstleister. In einer
neuen Studie sieht die Unternehmensberatung Roland Berger dünner besiedelte
Regionen mit ihren einfacheren Verkehrssituationen als ideale Gelegenheit für
Autohersteller, kommunale Betriebe und die Politik, zukunftsträchtige
Mobilitätsmodelle auszuprobieren. Zum einen könnten Roboterbusse das dünne
ÖPNV-Netz ergänzen
, zum anderen seien individuelle Transportdienstleistungen
für die “letzte Meile” zum Supermarkt oder zum Restaurant denkbar. Orte, die
älteren Menschen die Teilnahme am sozialen Leben ermöglichen.

Für
solche Dienstleistungen mit deutlichem Komfortgewinn für die Kunden könnte der
Betreiber durchaus höhere Preise verlangen, prognostizieren die Berater. Daraus
ergebe sich ein profitables Geschäftsmodell. Der Gewinn und die Erfahrung
könnten anschließend helfen, die Technik in die Großstädte zu bringen – dorthin
also, wo der Verkehr komplizierter und der Markt schwieriger ist.

Die
Konzentration auf eine ältere Kundschaft ist in jedem Fall naheliegend.
Aufgrund anhaltend niedriger Geburtenziffern und einer steigenden
Lebenserwartung machen die Menschen über 65 Jahren mittlerweile 19 Prozent der EU-Bevölkerung
aus, in Deutschland liegt der Anteil sogar bei 21 Prozent. Mit zunehmendem
Alter fällt das Selbstfahren immer schwerer. Wenn Senioren über 75 Jahren in
Unfälle verwickelt sind
, haben sie diese zu 75 Prozent selbst verursacht, wie
die Allianz-Versicherung ermittelt hat.

Gerade
für solche Menschen wären autonome Autos eine gute Möglichkeit, lange mobil zu
bleiben. Dieser Vorteil könnte auch die tendenziell größere Hemmschwelle
ausgleichen, die ältere Menschen eher als junge an der Nutzung von Autos ohne
Lenkrad und Pedale hindern könnte.

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