/Schwangerschaftsabbrüche: “Die Krankenschwester warf mir Mord vor”

Schwangerschaftsabbrüche: “Die Krankenschwester warf mir Mord vor”

Ich habe mich aus mehreren Gründen für einen medikamentösen Abbruch entschieden. Der wichtigste ist, dass ich mir seit Jahren sicher bin, dass ich nicht Mutter sein möchte. Während viele Paare in meinem Umfeld laut über Kinder nachdenken und die ersten bereits geboren sind, habe ich mich gegen diesen Weg entschieden. Unabhängig davon war die Schwangerschaft auf eine Verhütungspanne zurückzuführen, wir kannten uns kaum und ein gemeinsames Aufziehen eines Kindes war für mich völlig unvorstellbar, ebenso wie eine alleinerziehende Mutterschaft.

In der Vergangenheit hatte ich bereits überlegt, wie ich mit einer ungewollten Schwangerschaft umgehen würde. Dank eines offenen und feministischen Freundeskreises, in dem das immer wieder Thema war, war ein Abbruch immer eine Option für mich.

Von meinen Freundinnen fühlte ich mich gut unterstützt. Nach einem ersten Schockmoment waren zwei Freundinnen vor Ort wahnsinnig lieb und für mich da, zwei andere Freundinnen über Telefon immer erreichbar – eine wahnsinnig wichtige Stütze, denn institutionell gab es einige Hindernisse.

Im ersten Gespräch mit meiner Frauenärztin machte ich deutlich, dass ich hier bin, um mir die Schwangerschaft bestätigen zu lassen und zu erfahren, wie die nächsten Schritte aussehen, konkret: wer den Eingriff in meiner Stadt vornehmen kann. Interessant war zunächst, dass es nur zwei Anlaufstellen gab. Obwohl ich in einem sehr frühen Stadium war, erwähnte meine Ärztin die Option des medikamentösen Abbruchs nicht.

Auch bei der darauffolgenden Beratung machte ich direkt klar, dass meine Entscheidung für den Abbruch feststünde und ich lediglich den Schein benötige. Die Beraterin ließ jedoch nicht locker mit ihrer Nachfrage, weshalb ich mir so sicher sei, dass ich keine Kinder bekommen wolle. Erst nachdem ich ihr meine Gründe geschildert hatte, gab sie nach. Ich fühlte mich unverstanden und entmündigt.

Als wir dann über verschiedene Praxen sprachen, die den Eingriff vornehmen könnten, wurde mir zum ersten Mal klar, dass es davon nicht genügend gibt. In meiner Stadt macht es lediglich die Klinik und ein niedergelassener Arzt. Medikamentöse Abbrüche werden nicht durchgeführt – in der Klinik wurde mir gesagt, dass die Wartezeit aktuell bei circa sechs Wochen liegt – für das Beratungsgespräch im Vorfeld des Eingriffs. Bei einer Schwangerschaft im späteren Stadium ist das ein großes Problem.

Glücklicherweise hatte mir die Beraterin im Gespräch gesagt, dass medikamentöse Abbrüche in der Nachbarstadt vorgenommen würden. Hier fühlte ich mich zum ersten Mal tatsächlich von institutioneller Seite verstanden. Mit dem zuständigen Arzt unterhielt ich mich darüber, dass in letzter Zeit immer mal wieder Frauen aus meiner Stadt den medikamentösen Abbruch vornehmen ließen. Dass das in der Nachbarstadt möglich ist, liegt vielleicht daran, dass sie nicht so katholisch geprägt ist wie meine Stadt.

Zwischen dem Feststellen der Schwangerschaft und dem Beginn des Abbruchs lagen bei mir sechs oder sieben Tage. Die Zeit vor dem Abbruch empfand ich als sehr kompliziert und undurchsichtig. Viele Informationen suchte ich mir über Blogeinträge und Erfahrungsberichte anderer Frauen zusammen.

Als ich realisiert hatte, dass ich wirklich schwanger war, entwickelte ich eine richtige Abwehr zu meinem Körper. Ich weiß nicht, ob ich es mir einbildete oder ob es wirklich so war, aber ich fühlte mich müde, hatte keinen Appetit mehr. Ich wollte einfach, dass diese Schwangerschaft aufhört. Der Abbruch an sich war zwar mit Krämpfen verbunden, aber ich hatte das Gefühl, wieder die Kontrolle über mich zu bekommen. Nachdem der Abbruch durchgeführt war, war ich zunächst einfach froh, diese krasse Erfahrung hinter mir zu haben. Außerdem war ich sehr erleichtert und bin bis heute mit meiner getroffenen Entscheidung sehr zufrieden. Klar, es ist nicht cool, eine Schwangerschaft abzubrechen, aber es war in meinem Fall die absolut richtige Entscheidung.

Die Studie, die nun geplant ist, finde ich ein weiteres Mal entmündigend. Die Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen wurden schon vielfach untersucht. Dass sehr viele Frauen nach dem Abbruch mit ihrer Entscheidung und ihrem Leben zufrieden oder glücklich sind, wird in der öffentlichen Debatte aber nicht thematisiert. Es wäre doch viel wichtiger, die Thematik umfassend zu enttabuisieren und angemessen aufzuklären. Wie kann es beispielsweise sein, dass es kaum zugängliche Informationen gibt? Hätte ich nicht im Vorfeld des Beratungstermins in einem Blogbeitrag gelesen, welche Fristen bei medikamentösen Abbrüchen gelten, hätte ich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht explizit nach dieser Variante des Abbruchs im Gespräch gefragt.

Zudem glaube ich, dass das gesellschaftliche Stigma viel zu wenig thematisiert wird. Ich befinde mich manchmal in der komischen Situation, dass ich gerne Freundinnen und Freunden von meinem Abbruch erzählen möchte, weil es ein krasses Erlebnis war. Ich traue mich aber nicht, weil es gesellschaftliche Mythen gibt und ich keine Lust habe, aufgrund von falschem Mitleid anders behandelt zu werden. Schwangerschaftsabbrüche und offene Gespräche darüber sind noch immer ein Tabu. Vielleicht sollte lieber mal daran geforscht werden.

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