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Alltagslärm: Fresse!

Hallo?! Ja, genau Sie! Doch, doch, ich sehe schon, dass Sie Ohrstöpsel
drin haben, dass Sie Musik hören – wir hier im Großraumwagen bekommen das
N-tzzz-n-tzzz-n-tzzz-n-tzzz ja recht gut mit. Wir kennen, quasi seit der Abfahrt, auch den
Klingelton Ihres Handys. Aus Ihren Telefonaten wissen wir, dass Ihre Freundin Leonie heißt,
eben bei Douglas stand und Ihre Beratung brauchte, dass Sie beide heute noch Pizza bestellen
wollen, mit Thunfisch, aber ohne Zwiebeln, und dass Sie nach längerer Debatte mit Leonie Ihren
Wunsch durchgedrückt haben, den neuen Film mit Clint Eastwood zu sehen, nicht den mit Ashley Judd. Wir wissen außerdem, dass Leonie weiß, was wir wissen, nämlich dass die “Scheißbahn”,
wie Sie sagten, derzeit sieben Minuten Verspätung hat und dass Sie sich bei Leonie melden,
wenn es mehr werden. Oder weniger. Vermutlich rufen Sie Leonie auch an, falls es bei den
sieben Minuten bleibt.

Na ja, und ich dachte: Jetzt, da ich einiges von Ihnen weiß, wollen Sie vielleicht auch mal was von mir erfahren. Also dann. Dieses andauernde Ding-ding und K-tzzz-k-tzzz-k-tzzz, die ausufernden Telefonate in jedem Zug, das Dauergerede, das sich manchmal von Fulda bis nach Kassel zieht oder von Osnabrück bis Bremen streckt … ich kann nicht mehr hören, was ich da immer hören muss!

Sie müssen wissen, ich fahre viel Zug. Mit der Regionalbahn ins Büro, im ICE zu Terminen. Aber das, was ich meine, das erlebt man auch anderswo. Man wartet an einer Fußgängerampel, streift durch ein Kaufhaus, bezahlt an einer Tankstellenkasse, und hinter einem bricht unvermittelt ein Redegewitter los – schwer zu sagen, ob es sich dabei um ein Telefonat oder Tourette handelt. In Restaurants spielen sich Festgesellschaften unter großem Hallo Handyvideos vor. Im Kino werden, kurz bevor der Film anläuft, noch Sprachnachrichten abgehört. Mag sein, dass das ein altes Phänomen ist. Neu wirkt allerdings die Hemmungslosigkeit, mit der all das geschieht. Und die mich jetzt enthemmt, wie Sie merken.

Anfangs vermutete ich, es liege an mir, meine Beschwerden seien erste Altersanzeichen. Man wird ja leider geräuschempfindlich, bevor die Schwerhörigkeit einsetzt.

Dann habe ich nachgelesen, ob ich an Misophonie leide, dem krankhaften Hass auf Geräusche. Ich bin alle Symptome durchgegangen und kann sicher sagen: Das Atmen meiner Frau stört mich nicht.

Was dann?

Noch sind sich die Forscher nicht einig, ob die Welt ein lauterer Ort geworden ist. Zwar starten immer mehr Flugzeuge, aber jedes einzelne ist leiser. Und keine Serverfarm dröhnt derart wie ein Stahlwerk. Allerdings steht für die Wissenschaft zweierlei fest. Zum einen sind viele Menschen seit dem Übergang ins digitale Zeitalter von einer “Geräusch-Sentimentalität” befallen, wie Psychologen sagen. Moderne, eigentlich lautlose Kameras klackern beim Auslösen wie alte Spiegelreflexmonster. Wer sein iPhone verriegelt, hört ein Schnalzen, als falle ein Kerkertor ins Schloss. Wie zur Rückversicherung wird fast alles Moderne mit mechanischen Klängen unterlegt, den künstlichen Zusatzstoffen der Technikindustrie. Wer heute seinen Mercedes abschließt, kann sich nicht nur per Blinker vertraulich zuzwinkern lassen, sondern dazu noch eine “akustische Schließrückmeldung” aktivieren – die mit einem Hupen zusätzlich beglaubigt, dass die Türen auch wirklich, wirklich zu sind. Es gibt gegenwärtig also mehr Geräusche, als es geben müsste.

Das ist das eine.

Das andere: Selbst wenn die Welt als Ganzes nicht lauter geworden ist, findet man so gut wie keine stillen Orte mehr. Überall ist Schall. Jeder, der jemals so naiv war, in einem Ruheabteil der Deutschen Bahn auf Stille zu hoffen, weiß das. Irgendein Ignorant fährt immer mit.

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