/Wilmersdorf: Wo die Bauern Kasse machten

Wilmersdorf: Wo die Bauern Kasse machten

In der Auenkirche im alten Dorfkern von Wilmersdorf kam ich am Vorabend des Dreikönigstags mit einer Gemeindeschwester ins Gespräch, die einen der drei Könige im Arm trug. Sie war dabei, die Krippenfigur näher an das Jesuskind heranzurücken, pünktlich zum 6. Januar. Wie sich herausstellte, hatte die recht kleine Gemeindeschwester den recht großen König selbst getöpfert, wie auch den Rest der tönernen Krippe.

Stolz zeigte mir die ältere Dame ihr Werk, dem sie im Laufe mehrerer Jahrzehnte immer neue Figuren hinzugefügt hatte, viele davon mit zeitgeschichtlichen Bezügen. Es gibt in der Wilmersdorfer Krippe einen Drogensüchtigen mit Spritze im Arm, der wie ein Kind vom Bahnhof Zoo aussieht; einen Verkündigungsengel, der seine Botschaft auf einem Plakat vor sich herträgt, wie es die Berliner Studenten in den 70er Jahren taten; einen Obdachlosen mit Schnapspulle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein anderer Berliner Ortsteil eine derart komplexe Weihnachtskrippe hat.

Die Gemeindeschwester zeigte mir auch noch die Sakristei, in der ein altes Schwarzweißfoto der Auenkirche hängt. Es muss Anfang des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden sein, denn es zeigt die Kirche noch am Ufer des Wilmersdorfer Sees, den es heute nicht mehr gibt. Er wurde bereits um das Jahr 1915 herum zugeschüttet, vor so langer Zeit also, dass sich kaum ein lebender Bewohner des Ortsteils an ihn erinnern dürfte, nicht einmal die sprichwörtlichen Wilmersdorfer Witwen, die im Berlin-Musical „Linie 1“ dem Führer nachweinen. Das Stück wurde im April 1986 am Grips-Theater uraufgeführt.

Die Wilmersdorfer Witwen aus dem Musical „Linie 1“ haben zwar mit dem Bezirk rein gar nichts zu tun, werden aber aufgrund ihres…Foto: Baltzer/promo

Dabei war der See einst das Herz von Wilmersdorf. An seinem Ufer gründete ein findiger Gastronom namens Otto Schramm in den 1880er Jahren eine Badeanstalt und den „Tanzpalast Schramm“, der für das damalige Berlin so etwas wie das Berghain seiner Zeit gewesen sein muss. „Wat meenste, morjen jehn wa bei Schramm een danzen“, so lautete nach Überlieferung des Schriftstellers Hanns Fechner die Formel, mit der im späten 19. Jahrhundert junge Berlinerinnen zu elektrisieren waren.

Schramm war der Sohn eines sogenannten „Wilmersdorfer Millionenbauern“, jenen von Fechner porträtierten Landwirten, die durch Bodenverkäufe reich wurden, als die rasant wachsende Stadt ihr ländliches Umfeld schluckte. Auf dem Wilmersdorfer Friedhof unweit der Auenkirche bestaunte ich die üppigen Familiengräber der Schramms, der Blisses und der anderen Millionenbauern, bevor ich in der entgegengesetzten Ecke des Friedhofs die weitverzweigten Urnenhallen entdeckte. Winzige Grabnischen stapeln sich dort vielgeschossig bis unter die Decke – es sieht aus wie ein Plattenbau der Toten. Ähnlich wie die etwas andere Wilmersdorfer Weihnachtskrippe, dachte ich, ist auch der Wilmersdorfer Friedhof eine Art maßstabsverkleinertes Berlin, in dem sich die sozialen Grenzen der Stadt spiegeln.

Am Ende des Tages stand ich überwältigt vor dem riesigen Wohnkomplex, mit dem in den 70er Jahren die Autobahn an der Schlangenbader Straße überbaut wurde – am einen Ende rasen die Autos rein, am anderen rasen sie wieder raus. Obwohl mir ein Anwohner versicherte, dass es sich im Inneren des irren Bauwerks ganz gut lebe, stellte ich mir den Architekten als einen Menschen vor, der zwanghaft die Grenzen des Menschlichen überschreiten muss – und es kam mir passend vor, dass es im Erdgeschoss des Hauses ein griechisches Restaurant namens „Prometheus“ gibt.

Fläche:

7,16 km² (Platz 51 von 96)

Einwohner: 100 114 (Platz 8 von 96)

Durchschnittsalter: 46 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Christian und Auguste Blisse (Philanthropen), Otto Schramm (Gastronom)

Gefühlte Mitte: Wilhelmsaue

Alle Folgen

90 Ortsteile hat Jens Mühling schon besucht. Alle Folgen seiner Kolumne „Mühling kommt rum“ finden Sie auf unserer Internetseite unter:www.tagesspiegel.de/96malberlin

Noch mehr Nachrichten aus Wilmersdorf

Gibt es jeden Freitag im Leute-Newsletter von Christian Hönicke. Diesen (und die anderen elf Bezirke) gibt es hier kostenlos im Abo.

Hits: 0