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Ätna: Vorzeichen einer Katastrophe

DIE ZEIT:
Der Ätna ist an Heiligabend ausgebrochen. Weitere Beben erschüttern nun Sizilien. Steht
bald ein größerer Ausbruch bevor?

Boris Behncke:
Die Lage hat sich etwas beruhigt. Aber beim Ätna ist es so: Kaum ist ein Ausbruch vorbei,
sammelt sich neues Magma an, der Vulkan arbeitet gleichsam am nächsten Ausbruch. Das kann
ein paar Jahre dauern, manchmal aber auch nur ein paar Monate.

ZEIT:
Sie forschen seit 1997 in Italien. War die Eruption ein Warnsignal?

Behncke:
Der jetzige Ausbruch war relativ klein. Ich kenne aber mindestens fünf Vorfälle aus den
vergangenen 200 Jahren, bei denen innerhalb der ersten zwei, drei Jahre nach einem kleinen
Ausbruch ein größerer kam. Und dann noch ein größerer …

ZEIT:
Wie gefährlich wird es dann?

Behncke:
Es könnten im schlimmsten Fall Hunderttausende Sizilianer betroffen sein. Die vulkanische
Asche würde bei einer starken Explosion Hunderte Kilometer weit transportiert werden.
Fliegen würde je nach Windlage über Sizilien oder in ganz Südeuropa erschwert und die
Gesundheit beeinträchtigt werden. In Deutschland müssen Sie aber keine Sorge haben. Die
Asche wird eher nicht nach Norden getragen.

ZEIT:
Auf den Liparischen Inseln nördlich von Sizilien befinden sich weitere Vulkane wie etwa der
Grande Fossa: Könnte es sein, dass der Ausbruch des Ätnas weitere Ausbrüche zur Folge
hat?

Behncke:
Höchstens indirekt. Wenn ein Vulkan ausbricht, heißt das selten, dass ein weiterer
folgt.

ZEIT:
Der weiter nördlich gelegene Stromboli ist auch gerade besonders aktiv.

Behncke:
Der Zivilschutz hat jetzt zwar die Alarmstufe erhöht, aber der Stromboli ist dafür bekannt,
dass er mehrfach pro Stunde kleine bis mittelgroße Explosionen produziert. Da kann ich als
Vulkanologe gerade nichts Außergewöhnliches feststellen.

ZEIT:
Dennoch geht von ihm Gefahr aus. Am 30. Dezember 2002 stürzten bei einem Ausbruch
Gesteinsmassen ins Meer und lösten eine mehrere Meter hohe Flutwelle aus, einen Tsunami.

Behncke:
So ein großer Ausbruch passiert auf der Vulkaninsel ein-, zweimal pro Jahrzehnt. Damals
wurden zum Glück nur wenige Menschen verletzt. Das Gleiche ist aber gerade im größeren
Maßstab am Vulkan Krakatau in Indonesien passiert.

ZEIT:
Dort starben Hunderte Menschen durch einen Tsunami, Zehntausende wurden obdachlos. Könnte
so etwas auch in Europa passieren?

Behncke:
Jedes Mal, wenn Lava vom Stromboli herunterfließt, gehen wir sofort in Alarmbereitschaft.
Ein Tsunami würde wahrscheinlich ein paar Meter hoch sein und vor allem Sizilien
treffen.

ZEIT:
Vulkanausbrüche, Tsunamis – wie bereitet sich Italien auf solche Ereignisse vor?

Behncke:
Wir am Institut für Geophysik und Vulkanologie trainieren die Anwohner der Vulkane für
solche Situationen, bis sie die richtige Reaktion wie eine alltägliche Routine verinnerlicht
haben. Und wir informieren über die sozialen Medien.

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